Bei einer Podiumsdiskussion saß neben mir ein Politiker, der mir im Laufe des Abends erklärte, dass er in Glaubensfragen ein Agnostiker sei: Er wisse nicht, ob es einen Gott gebe oder nicht. Ich habe ihm und den Zuhörerinnen und Zuhörern dann versucht zu erklären, dass ich mit seinem Wissensbegriff, der stark naturwissenschaftlich geprägt sei, auch nicht wisse, ob es einen Gott gibt oder nicht. Gott sei zudem nicht in Begriffe und Formeln zu fassen und auf diesem Wege zu beweisen. Es brauche zur Glaubensentscheidung die Lebenserfahrung und das Herz genauso wie den Verstand und die Weisheit, sie bleibe aber auch immer ein Sprung des Vertrauens. Darauf entgegnete der besagte Politiker, dass religiöse Fragen für ihn aber sehr bedeutsam seien. „Wenn Sie mögen, können Sie uns eine religiöse Frage nennen, die für Sie sehr bedeutsam ist“ lud ich ihn ein. Seine prompte Antwort war: „Gibt es einen Trost?“
Mit Trost meinte er sicherlich nicht eine Vertröstung oder einen kleinen Zuspruch nach einer Enttäuschung. Trost in dem weiten menschlichen Sinne, das ist der Trost in Stunden, wo wir keine Zukunft mehr sehen, der Trost in den Stunden des Leides, der tiefen Enttäuschung oder sogar des Sterbens. Gibt es dann einen Trost? Gibt es einen Trost für die Menschen in Israel und Gaza, im Sudan und in der Ukraine, die jahrelang in Lebensangst und Zerstörung leben? Gibt es einen Trost für die Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Familie zusammenhalten können oder von Lieblosigkeit enttäuscht sind?
Diese so vielseitige menschliche Trostlosigkeit hat auch der Prophet Jesaja vor Augen, von dem wir in der Weihnacht hören (Jes 9, 1-6). Für Israel aber ist diese Trostlosigkeit noch hoffnungsloser: In ihren schlimmen Erfahrungen des drohenden Untergangs ihres Volkes kämpfen sie mit dem Verlust ihres Vertrauens auf Gott, auf Jahwe, der doch versprochen hat, bei ihnen zu bleiben, sie zu führen und sie zu retten: Wo ist dieser Gott? Wo ist der uns stärkende Gott? Warum lässt uns Gott allein? Warum ist er nicht mehr unser Trost? In diese Situation hinein verkündet Jesaja die Hoffnung wider aller Hoffnungslosigkeit.
„Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf. Du mehrtest die Nation, schenktest ihr große Freude.“ (Jes 9, 1f). Jesaia lädt sein Volk ein, ja, bittet es, trotz und in aller Dunkelheit in ihrem Leben doch Gott zu vertrauen. Er bittet sie um die Entscheidung, Trost von Gott zu erhoffen. Gott ist und bleibt der Tröster, der uns hält und leben lässt. Seine Herrschaft ist groß und sein Friede hat kein Ende (Jes 9,6). Trost von Gott her zu erfahren, ist in der weihnachtlichen Botschaft des Propheten Jesaja eine Entscheidung, die getragen ist von dem Vertrauen, dass Gott zu seinem Versprechen steht, zu seinem Ja-Wort und zu seinem Volk in alle Ewigkeit. Er ist der Trost, der uns nicht fallen lässt ins Nichts. Das Wort Trost hat die gleiche sprachliche Wurzel, wie das Wort Trauen, Vertrauen. Es ist mehr als ein Gefühl, es ist eine Entscheidung in aller Ernsthaftigkeit, Konsequenz und Tiefe. Verlass dich auf Gott! Schenk ihm immer wieder neu dein Vertrauen und du wirst erfahren, dass Gott bei dir ist und bleibt. In solch schweren Stunden der Trostlosigkeit dennoch zu vertrauen, ist vielleicht die größte Herausforderung unseres Glaubens. Es ist die Herausforderung des Glaubens in den Nächten unseres Lebens. Dass diese Nächte von Gottes Nähe erfüllte Nächte sind, kann der entdecken, der auf Gott vertraut, auf den Gott, der in Betlehem zu uns kam und bis heute auch im Erzbistum Berlin, also in Berlin, in Brandenburg und Vorpommern, zu uns kommt. Gott, der mit uns geht, Gott, der uns stützt und stärkt, Gott in der Krippe, der auch später vom Kreuz nicht herabsteigen wird und uns Menschen unter unseren Kreuzen nicht allein lässt. Wer in den Nächten seines Lebens diesem Gott sein Vertrauen schenkt, dem öffnet sich in seinem Vertrauen der Trost Gottes.
In solchen Stunden wächst dann aber auch die Kraft, andere Menschen zu trösten. Im Lateinischen heißt trösten consolari, was
bedeutet: mit dem Einsamen gehen, mit dem, der keinen Trost hat, mit dem, in dessen Seele es trostlos dunkel ist. Wer solche Menschen nicht allein lässt, der wird zur Verkünderin und zum Verkünder des großen Trostes, den allein Gott uns schenken kann. Wer so Trost spendet, wird selbst spüren, wie sehr er getröstet wird. Die getrösteten Hirten kehren von den Feldern zurück und verkünden, was sie gesehen haben. Christen sind Menschen, die aus der Erfahrung der Weihnacht Trost schenken.
Unsere Gesellschaft ist gegenwärtig von so viel Trostlosigkeit geprägt, von Spaltung innerhalb der Gesellschaft, von wirtschaftlichen Nöten und Ängsten, von Verteilungskämpfen und Sorgen um die Zukunft, von Kriegen und Not an so vielen Orten dieser Welt: Da spüren wir, welche Macht Trostlosigkeit hat. Welche Erlösung, dass wir Christen heute in dieser Heiligen Nacht, in dieser Weihnacht, uns neu entscheiden können, uns auf die Nähe Gottes in unseren Nächten einzulassen und diesem Gott zu vertrauen, weil diese Nacht eine geweihte Nacht ist, eine Nacht in der Nähe Gottes, eine Nacht, in der wir Mut fassen können. Fürchtet euch nicht, der euch tröstende Gott ist bei euch, mit ihm seid ihr auf dem Weg zum ewigen Trost!
Ich wünsche Ihnen eine trostvolle Weihnacht!