„WENN ICH KUNST SAGE MEINE ICH DAS GANZE“ Künstlerische Intervention in der Sankt Hedwigs-Kathedrale vom 9.-13. September 2026

Der Wiener Künstler Leo Zogmayer, der gemeinsam mit Sichau & Walter Architekten das Innere von Sankt Hedwig neugestaltet hat, kehrt für eine künstlerische Intervention in die Kathedrale zurück.

Der Parcours der Intervention nimmt daher seinen Ausgangspunkt in der Architektur und der neuen räumlichen Konzeption der Kathedrale und führt durch die temporären Interventionen, die zentralen sakralen Orte und architektonischen Besonderheiten der Kathedrale sowie die dauerhaft installierten künstlerischen Arbeiten.

Temporär gezeigt werden in der Kathedrale Werke von Alicja Kwade, Gerhard Richter, Julia Beliaeva, Kris Martin, Leo Zogmayer und On Kawara aus der Sammlung Lena und Johann König.

„Dieser Parcours überschreitet die Grenzen eines rein kuratorischen Narrativs und verbindet die Erzählungen von Kunst, Kirchenraum und Architektur miteinander. Vor allem aber lädt die Intervention zur Betrachtung und Reflexion über Fragmentierung und Ganzheit, Kontinuität und Vergänglichkeit, das Sakrale und das Alltägliche sowie über Zeit, Erinnerung und Gemeinschaft ein“, so Stefka Tsaneva, die die Intervention gemeinsam mit Leo Zogmayer kuratiert hat. In diesem Sinne spiegelt die Intervention Zogmayers Ansatz und sein Verständnis des sakralen Raumes wider – vor allem als Geschehen, als Prozess und als Ort eines geistigen Dialogs.

Die Intervention ist zu sehen vom 9. bis 13. September 2026 zu den üblichen Öffnungszeiten der Kathedrale. Während der Gottesdienstzeiten ist keine Besichtigung möglich. Ein Orgelkonzert von Maximilian Schnaus mit einer „visuellen Intervention“ von Ei Arakawa am Freitag, 11. September, 19.30 Uhr, ergänzt die Intervention.

Für Rückfragen steht Ihnen die Pressestelle des Erzbistums Berlin, Stefan Förner, stefan.foerner(ät)erzbistumberlin.de zur Verfügung.

Kuratorischer Text von Leo Zogmayer

Kirchen gehören seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Orten der Kunst. Nicht weil Kunst hier illustrieren oder schmücken sollte, sondern weil beide – Kunst und Religion – von denselben Grundfragen ausgehen: Was trägt den Menschen? Was bedeutet Freiheit, Hoffnung, Liebe, Verfehlung, Vergänglichkeit? Was entzieht sich unserer Verfügung und verlangt dennoch nach Ausdruck?

Dass das Verhältnis zwischen Kunst und Kirche heute keineswegs selbstverständlich ist, gehört zur Realität der Gegenwart. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Kirche begegnet neuer Kunst nicht selten mit Vorbehalten, umgekehrt verstand sich die Kunst seit der Moderne oft bewusst als Gegenentwurf zu religiösen Deutungsansprüchen. So entstand eine bisweilen aggressive Distanz, die dem Reichtum ihrer gemeinsamen Geschichte nicht gerecht wird.

Dennoch sind die Berührungspunkte nie verschwunden. Wo Kunst Erfahrungen von Schönheit und Verletzlichkeit, von Zeit und Erinnerung, von Sehnsucht und Transzendenz zur Sprache bringt, berührt sie Fragen, die auch die Religion stellt. Beide eröffnen Räume, in denen Wirklichkeit nicht abschließend erklärt, sondern neu gesehen werden kann.

Die Interventionen in der Sankt Hedwigs-Kathedrale verstehen sich als ein Versuch, diesen Dialog fortzuführen. Dabei geht es weder um eine religiöse Vereinnahmung der Kunst noch um eine ästhetische Instrumentalisierung des sakralen Raumes. Die ausgestellten Arbeiten sollen ihre Eigenständigkeit bewahren und zugleich in Beziehung zu einem Ort treten, dessen Architektur und Liturgie seit jeher von Fragen nach Sinn, Gemeinschaft und Hoffnung geprägt sind.

Der für die Sankt Hedwigs-Kathedrale gewählte Ansatz unterscheidet sich bewusst von zahlreichen Themen-Ausstellungen der vergangenen Jahre. Gezeigt werden keine Werke, die historische christliche Bildmuster lediglich formal aktualisieren, zitieren, paraphrasieren oder ironisieren. Die Künstlerinnen und Künstler greifen vielmehr elementare spirituelle Themen mit den Ausdrucksmitteln der Gegenwart auf. Sie entwickeln neue Bildsprachen und ästhetische Strategien für Erfahrungen, die den Menschen seit jeher beschäftigen: Endlichkeit des Lebens, Würde des Einzelnen, Erinnerung und Zeit, Frieden und Versöhnung, Gemeinschaft, die Frage nach dem Ganzen.

Die Kathedrale ist dafür kein neutraler Ausstellungsraum. Sie ist ein lebendiger Ort des Gebets und der Liturgie. Gerade deshalb kann die Begegnung zwischen zeitgenössischer Kunst und sakralem Raum beide Seiten befruchten. Die Werke werden im Kontext der Kathedrale anders als in Museen, Kunsthallen und Galerien lesbar; zugleich vermögen sie den vertrauten Kirch-Raum auf neue Weise zu öffnen, eingefahrene Wahrnehmungsmodi zu durchbrechen und so einen produktiven Dialog anzustoßen.