Eine Kindheit bei den Jungpionieren in der DDR, ein Banküberfall und eine tränenreiche Begegnung mit Kardinal Woelki: Das sind nur drei kurze Schlaglichter in einer bewegten Berufungsgeschichte, von der Anja Schmidt berichten kann. Die 48-Jährige war leitende Bankangestellte - heute ist sie Gemeindereferentin im Erzbistum Berlin und stellvertretende Bereichsleiterin Pastoral im Erzbischöflichen Ordinariat.
Wie es dazu kam, kann sie manchmal selbst nicht glauben, sagt sie: „Immer wenn ich dachte, es geht ohne Gott oder Kirche, kam irgendwie ein Zeichen.“ Das fing schon früh an: Aufgewachsen in einem atheistischen Elternhaus in der DDR war sie als Kind bei den Jungpionieren und im Segel-Sportverein. „Sonntags war Training, aber ich ging lieber in die Christenlehre, weil meine Freundin da auch war.“ Zwei Exotinnen. Von ihren Eltern bekam sie dafür kein Verständnis; die hätten ihre Sportkarriere und überhaupt die persönliche Zukunft gefährdet gesehen. „Zum Gespött bin ich geworden, den ganzen Tag“, heißt es in der Jeremia-Lesung. Da findet sie sich wieder; das hat sie selbst erlebt. „Dann kam die Wende, das war mein großes Glück“, sagt sie. Mit 14 Jahren, gerade „religionsmündig“, ließ sie sich evangelisch taufen und dann auch konfirmieren. „Du hast mich betört, oh Herr, und ich ließ mich betören.“
Weil ihre Eltern das so wollten, hat sie eine Banklehre begonnen. Da habe sie dann den Bezug zur Kirche mehr und mehr verloren. „Die Bank war toll“, sagt sie. Mit Menschen reden, sie beraten, in Baufinanzierungen begleiten, das sei ihre Welt gewesen. Aber: „Gott ließ mir keine Ruhe.“ Vielleicht sei es auch so ein Zeichen gewesen, als sie an einem Novemberabend im Jahr 2000 bei einem Banküberfall in der Filiale in Berlin als Geisel genommen wurde. „Ich hatte an dem Tag keine Angst“, berichtet sie. Und mehr noch: „Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber ich habe den Geiselnehmer unvermittelt gefragt, ob wir zusammen beten wollen.“ Was so packend und überwältigend klingt, empfindet sie heute noch so: „Wir haben tatsächlich zusammen das Vaterunser gebetet, er hat mir nichts weiter angetan und ich konnte ihm auch nicht böse sein.“ Der Bankräuber wurde von der Polizei gestellt, für Anja Schmidt ging das Bankerin-Sein dann nach einer Zeit auch wieder weiter: Sie machte dort Karriere, übernahm die Filialleitung und war für Höheres vorgesehen. An ein Beratungsgespräch in der Bank erinnert sie sich besonders gut: „Ich hatte eine junge Familie mit neu geborenen Zwillingen zur Beratung über Baufinanzierung zu Besuch. Wir haben uns weit über die geplante Zeit hinaus sehr gut unterhalten und kamen auch auf Fragen, die fast seelsorglich in der neuen Familiensituation wurden: Was trägt, was gibt Halt?“ Als ihr Chef sie am selben Abend noch danach gefragt hat, welche Abschlüsse für Bausparverträge oder Versicherungen sie mit der Familie erreicht habe und sie mit „keine“ antworten musste, „da habe ich gemerkt: Das ist eigentlich nicht mehr meine Welt.“
Selbst dreifache Mutter und mit einem katholischen Mann verheiratet, hat sie in der Erstkommunionvorbereitung ihrer Ältesten als Katechetin mitgewirkt, damals noch evangelisch. Darüber sei sie näher mit der katholischen Kirche in Berührung gekommen. „Am Tag vor der Kommunion unserer Tochter bin ich aus der evangelischen Kirche ausgetreten und danach zur katholischen übergetreten.“ Auch das hat nicht nur für Verständnis in ihrem Umfeld gesorgt. Im September 2013 ließ sie sich firmen. Ihre Eltern kamen nicht zur Feier. „Ja, so oft ich rede, muss ich schreien…“ Auch der Satz aus der Jeremia-Lesung kommt ihr in den Sinn, denn auch gegenüber ihren Eltern habe sie geschrieen: „Wenn ich euch als Tochter wichtig bin, warum geht ihr meinen Weg nicht mit?“
Ihren Weg ging sie weiter. Auch gegen Widerstände und mit neuen Perspektiven: In der Personalabteilung des Erzbistums holte sie sich mit der Frage nach einer kirchlichen Berufsperspektive zunächst eine Absage ein, weil sie keine theologische Qualifikation hatte. Als sie dann enttäuscht und mit Tränen aus dem Ordinariat, der bischöflichen Behörde, kam, sei sie zufällig dem damaligen Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki in die Arme gelaufen. „Ich hab ihm von meiner Situation erzählt. Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf vom Ordinariat, dass ich den Fernkurs in Theologie belegen kann.“ Das ebnete ihr den Weg in einen kirchlichen Beruf und sie wurde nach der Kündigung in der Bank dann im Jahr 2022 vom aktuellen Erzbischof Heiner Koch als Gemeindereferentin gesandt. „Bleiben Sie im guten Sinn Brandstifterin“, habe der Erzbischof in der Predigt motivierend zu den neuen Mitarbeiterinnen gesagt. Auch da denkt sie heute an den Satz aus der Jeremia-Lesung: „Es brannte in meinem Herzen ein Feuer.“
Heute ist Anja Schmidt nach einer Zeit in der Gemeinde selbst im Erzbischöflichen Ordinariat tätig und dort verantwortlich für die Kinder-, Jugend-, Familien- und Queerpastoral, für die Hochschulpastoral sowie für die Seelsorge mit Menschen mit Behinderungen und für Touristen. Die betriebswirtschaftlichen Qualifikationen aus der Bank kommen ihr in der Bereichsleitung, etwa in verschiedenen Haushaltsplanungen, sehr zugute, sagt sie. Auch das Prophetische, das Jeremia als Auftrag erhalten hat, will sie in ihrer kirchlichen Verantwortungsposition einbringen, gelegen oder ungelegen. Beim Gottesdienst vor dem Christopher-Street-Day in der evangelischen Marienkirche war sie im Auftrag des Erzbistums dabei und hat Solidarität mit queeren Menschen gezeigt angesichts von deren Ausgrenzung, auch in der Kirche: „Ja, so oft ich rede, muss ich schreien, ‚Gewalt und Unterdrückung‘ muss ich rufen.“ Man merkt ihr an: Es brennt in ihrem Herzen ein Feuer für Gott und die Menschen. Und: Es bleibt noch viel zu tun, mit Gottvertrauen, gepackt und überwältigt, weil Gott ihr keine Ruhe lässt.