Warum ein Stück Kuchen die Demokratie stärken kann Soziologe Quent erklärt, wie man politische Ohnmacht besiegt

Jena (KNA) Der Krieg in der Ukraine, Zukunftsangst und überhaupt der Eindruck, dass in Deutschland viele Dinge nicht mehr richtig funktionieren: Die Menschen fühlen sich überfordert und ohnmächtig angesichts dieser Entwicklungen, auch wenn sie gerne handeln würden. Der Soziologe Matthias Quent vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena erklärt im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), warum alltägliche Begegnungen für die innere Resilienz wichtig sein können - und wie man mit einem Stück Kuchen die Demokratie stärken kann.

Frage: Wie kann man den Menschen das Gefühl der politischen Ohnmacht nehmen?

Antwort: Viele Menschen wollen handeln, sie sind emotional eigentlich im Kampfmodus. Aber wenn man sie nach ihrem konkreten Verhalten fragt, sagen sie: Wir können gar nichts tun. Die Krisen wirken zu groß, wirkungsvolles politisches Handeln konnte nicht gelernt werden - weder in der Schule noch in der Arbeitswelt, wo das oft als störend gilt.

In diesem Modus reduziert sich Demokratie oft auf das Kreuz bei den Wahlen alle paar Jahre, dabei ist sie eigentlich eine Lebensform, die wir jeden Tag durch Beteiligung mit Leben füllen müssten. In meinem Buch zeige ich, dass wir unterschiedliche Formen der Ansprache brauchen: Es gibt eine relativ große Gruppe von Menschen, die sich generell ohnmächtig fühlen, sich nicht zutrauen, mitzugestalten oder sozial aktiv zu sein. Und es gibt eine kleinere Gruppe von "Kämpfertypen", die in allen gesellschaftlichen Krisen und Herausforderungen tatsächlich aktiv reagieren.

Frage: Wie spricht man denn die Menschen am besten an, um sie zum Handeln zu bringen?

Antwort: Wir können Menschen dort abholen, wo sie stehen, und ihre Selbstwirksamkeit stärken. Wer sich als wirksam erlebt, unterstützt eher die Demokratie und ist weniger anfällig für Desinformation, autoritäre Verlockungen und scheinbar einfache Lösungen.

Frage: In Ihrem neuen Buch erzählen Sie von einer Frau, die über ein Stück Kuchen zu politischem Engagement fand.

Antwort: In diesem Fall ist es die Gemeinschaft, die den entscheidenden Unterschied gemacht hat - der erste Zugang, der geholfen hat, die Hürde aus der Einsamkeit zu überwinden. Viele Menschen sind einsam, und wir wissen, dass das auch mit rechtsextremen Einstellungen zusammenhängen kann - unter anderem damit, ob man sich überhaupt als Teil einer Gemeinschaft oder sogar als gestaltender Teil der Gesellschaft wahrnimmt.

Entscheidend ist dabei nicht der große Appell des Bundespräsidenten oder einer kirchlichen oder politischen Institution, sondern die alltägliche Begegnung. Dort beginnt Politisierung, dort beginnt Demokratie - und dort erreichen wir die vielen Menschen, die emotional sagen: Eigentlich will ich etwas tun, aber ich weiß nicht, was.

Ein Stück Kuchen wird die Demokratie nicht retten. Aber bei einem Teil der Bevölkerung kann genau so ein kleiner Schritt der Anfang sein.

Frage: Was meinen Sie mit "demokratischer Resilienz"?

Antwort: Demokratische Resilienz bedeutet die Fähigkeit einer Demokratie, sich gegen antidemokratische Entwicklungen zu wehren - eine Wehrhaftigkeit, die schon im Grundgesetz angelegt ist. Das muss man nicht an bestimmten Parteien oder Personen festmachen; es geht um einen allgemeinen Trend, einen Stimmungsumschwung, in dem unsere Gesellschaft derzeit steckt, und in dem die Emotionalisierung des Politischen eine zentrale Rolle spielt.

Ich beziehe mich dabei auf Karl Loewenstein, einen Vordenker der liberalen Verfassungstheorie und der wehrhaften Demokratie, der schon vor rund 90 Jahren schrieb: Faschismus ist keine feste Philosophie, sondern die Technik der Emotionalisierung des Politischen durch Propaganda und Sündenbockrhetorik. Auf diesem Weg bewegen wir uns aktuell. Wehrhaftigkeit dagegen heißt: Die Institutionen müssen die vorhandenen Mittel nutzen, um Propaganda, Desinformation und ähnliche Angriffe zurückzuweisen.

Frage: Wie kommen wir dahin?

Antwort: Die Demokratie - und damit meine ich nicht nur den Staat, sondern die gesamte Gesellschaft, Zivilgesellschaft, Kultur, Kirchen und viele andere - muss starke emotionale Angebote machen. Es braucht Formen der Integration, des Einbindens, der Begeisterung für etwas Positives, also auch ein Gefühl davon, wie wir leben wollen, und nicht nur für die Abwehr des Negativen. Demokratische Resilienz bedeutet daher nicht nur konsequente Institutionen, sondern vor allem eine gesellschaftliche Mobilisierung.

Frage: Warum sind Emotionen für die Politik und unsere Demokratie so wichtig?

Antwort: Emotionen sind für die Politik so wichtig, weil der demokratische Staat selbst kaum glaubwürdige Emotionen anbieten kann. Er ist der Vernunft, der Rationalität und letztlich auch der Bürokratie und Verwaltung verpflichtet, und immer wenn staatliche Institutionen und staatstragende Kräfte versuchen, Emotionalität zu inszenieren, wirkt das nicht authentisch, oft sogar eher peinlich.

Trotzdem braucht jedes Zusammenleben Emotionen als Kitt. Weil staatliche Institutionen und Parteien der Mitte diese Lücke nicht überzeugend füllen können, entsteht ein Raum, den faschistische und rechtsextreme Bewegungen mit ihrer fundamentalen Opposition sehr wirkungsvoll besetzen. Sie bieten starke, identitätsstiftende Gefühle an: Zugehörigkeit, Wut, Klarheit, sogar eine zynische Hoffnung und freudvolle Befriedigung am Untergang, die viele Menschen anziehen.

Deshalb braucht es eine aktive Zivilgesellschaft: Kultur, Vereine, Initiativen, Kirchen und andere gesellschaftliche Akteure. Sie sollen nicht nur sachliche Aufklärung und politische Bildung leisten, sondern vor allem diese emotionale Lücke füllen. Sie können Menschen ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und - wo nötig - auch von legitimer Widerständigkeit vermitteln. Denn auch Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Autoritarismus gehört selbstverständlich zur Demokratie.