Zwischen Hertha und Hedwig

Foto: Michael Kinnen

Gregor Bellin war Diakon an der Sankt Hedwigs-Kathedrale und Seelsorger im Olympiastadion. Diese unterschiedlichen Einsatzorte haben für ihn eine grundsätzliche Gemeinsamkeit.

Angesprochen darauf, was denn der größte Unterschied zwischen seinen Tätigkeiten sei, winkt Gregor Bellin ab: „Ich sehe zunächst mal die Gemeinsamkeiten“, sagt der Diakon aus dem Erzbistum Berlin. Im Hauptberuf ist er Krankenhausseelsorger, aber einem größeren Publikum bekannt ist er eher durch seine beiden anderen Aufgaben: 20 Jahre war Bellin zusammen mit seinem evangelischen Kollegen Bernhard Felmberg Stadionseelsorger am Berliner Olympiastadion, hielt vor jedem Heimspiel von Hertha BSC eine Andacht mit Fußballfans in der „Goldenen Kapelle“ des Stadions. Und seit 2014 war er sonntags in der Sankt Hedwigs-Kathedrale als Diakon im Kathedral-Gottesdienst tätig, ob in Pontifikalämtern mit Erzbischof Heiner Koch oder im 10 Uhr-Hauptgottesdienst mit dem Metropolitankapitel. Hertha und Hedwig – das sind zwei Leidenschaften von Gregor Bellin.

„Es geht um Menschen und es geht um die Frage nach Gott“

Die Gemeinsamkeit zwischen den doch zunächst sehr unterschiedlich wirkenden Tätigkeiten sieht er ganz grundsätzlich: „Es geht um Menschen und es geht um die Frage nach Gott.“ Dafür habe er vor inzwischen über 40 Jahren angefangen, den Dienst im Erzbistum Berlin zu tun – zunächst als Gemeindereferent an verschiedenen Stationen in Berliner Bezirken, seit 1999 als Ständiger Diakon im Hauptberuf. „Mit Menschen ins Gespräch zu kommen und zu zeigen: Gott macht dir ein Angebot und das hat was mit deinem Leben zu tun“, das sei sein Anliegen, „nicht als Herr über den Glauben, sondern als Diener zur Freude“, sagt er in Anlehnung an ein Bibelwort.

Spüren konnten das die Fußballfans, die sich vor den Heimspielen von Hertha in der Stadionkapelle versammeln. Eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff geht die Andacht mit dem eingespielten Glockengeläut der Berliner Gedächtniskirche los, bevor sie mit Liedern, Predigt, Fürbittgebet und Segen so rechtzeitig endet, dass alle pünktlich zum Anpfiff auf ihren Tribünenplätzen sind. Dass sich die Gebete nicht an einen „Fußballgott“ richteten, den es gar nicht gebe, ist dem katholischen Diakon wichtig. Gebetet werde auch nicht für einen Sieg der eigenen Mannschaft, sondern für ein gutes Miteinander, für die stillen Anliegen der Teilnehmer, Gemeinschaft und Fairness und nicht zuletzt immer wieder für den Frieden im Kleinen des Alltags wie im Großen der Welt. Zum Vaterunser halten sich alle an den Händen – über die Vereinsfarben hinweg. „Glaube verbindet“, ist Gregor Bellin überzeugt.

„Herthaner wie auch Katholiken kennen das Leiden, das Fröhlich-Sein und die Hoffnung“

Aber auch sonst gibt es für Bellin viele Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Glaube. „Herthaner wie auch Katholiken kennen das Leiden, das Fröhlich- Sein und die Hoffnung: Es wird besser – und geht am Ende gut aus“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Er habe schon bei Trauungen in der Kapelle mitgewirkt und Kinder getauft. Besonders eindrucksvoll sei ihm auch die Trauerfeier für den im Januar 2024 plötzlich verstorbenen Hertha-Präsidenten Kay Bernstein in Erinnerung, die aus der Kapelle unter dem Stadion auf Leinwände ins Olympiarund übertragen wurde. Gerne erinnert er sich aber auch an besondere Gottesdienste mit kirchlicher und politischer Prominenz in Sankt Hedwig. Aber: „Jeder Gottesdienst ist ein Höhepunkt“, unterstreicht Bellin – nicht zuletzt, weil Menschen hier ihr Leben mit den Alltagssorgen und den Hoffnungen vor Gott bringen.

Im Olympiastadion sei es etwas schwieriger als in der Sankt Hedwigs- Kathedrale, zufällig zum Gottesdienst zu kommen. Auch wenn das Mitfeiern natürlich kostenfrei ist, brauchen Besucher zunächst ein Ticket für das Fußballspiel, um überhaupt auf das Stadiongelände zu gelangen. Die Kathedrale am Bebelplatz ist dagegen für Touristen ebenso ein Anziehungspunkt wie für die Gottesdienstgemeinde. „Da gibt es schonmal zufällige Gäste.“

Dass er das alles so leisten könne, verdanke er auch der beständigen Unterstützung seiner Ehefrau, sagt Bellin. Zwischen Hertha und Hedwig gebe es also vor allem auch Susanne, die Frau, mit der er seit 1981 verheiratet ist und zwei Kinder hat. Auch wenn er mittlerweile mit 66 Jahren in den arbeitsrechtlichen Ruhestand gegangen ist und von seinem Dienst an der Kathedrale entpflichtet wurde, bleibe er als „Diakon auf Lebenszeit“ den Stadionandachten als Gottesdienstleiter, der Hertha als Fan, aber genauso der Kathedrale als Katholik verbunden: „Ich freue mich darauf, die Gottesdienste weiter mitzufeiern, in welcher Position und Funktion auch immer.“ Es müsse nicht am Altar sein, sagt er. Und ergänzt: „Es ist nach so vielen Jahren schön, mit meiner Frau mal in der Bank der Kathedrale zu sitzen und gemeinsam den Gottesdienst auch räumlich enger zu feiern.“