Berlin (KNA) Plötzlich ist Berlin wieder geteilt. Seit Mittwoch steht sie da, entzweit den Platz vor dem Brandenburger Tor und zieht neugierige Blicke von Passanten an: Zum Gedenken an den 65. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August erinnert derzeit eine 30 Meter lange Kunstinstallation an ein dunkles Kapitel deutsch-deutscher Geschichte. Die Mauer, die explizit keine Rekonstruktion der Berliner Mauer sein soll, verwandelt das Brandenburger Tor zu einem temporären Gedenkort - zu dem auch eine Open-Air-Ausstellung gehört.
"140 Menschen haben ihr Leben an dieser Mauer verloren. Dem müssen wir gedenken", sagte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) bei der feierlichen Eröffnung der Schau "Mauerblicke. Berlin 1961-1990". Diese zeigt auf acht doppelseitig bedruckten Tafeln vor allem großformatige Fotografien aus Ost und West, die sich gänzlich mit Blicken auf die Berliner Mauer befassen - und mit der DDR. "Es gab keine Meinungsfreiheit, keine freien Wahlen", so Weimer, "dafür die Stasi und den Todesstreifen. Und das sagt über das Regime alles aus."
Zwischen Gartenidylle und Todesstreifen
Die Bilder der Open-Air-Ausstellung zeigen eindrücklich die verschiedenen Lebenswelten, mit denen die Menschen in Ost- und West-Berlin durch die Mauer plötzlich konfrontiert waren. So ist da die kleine Gartenanlage mit gepflegtem Rasen und bunten Blumen, in der eine Frau im schattigen Strandkorb im Hochglanzmagazin blättert. Etwas weiter vorn lässt sich ein Mann die Sonnenstrahlen auf den nackten Oberkörper scheinen, und direkt an diesen kleinen Garten Eden grenzt die Berliner Mauer.
Auf der anderen, östlichen Seite ist da jedoch die andere, brutale Realität für die Menschen in der DDR. Die Schau stellt den kleingärtnerischen, unschuldig wirkenden Fotos aus dem Westen geheime Aufnahmen aus dem Osten entgegen. Stacheldraht und Grenzsoldaten dominieren die Szenerien, die Gerhard Rücker mit der Kamera dokumentierte. Rücker wollte so die Grenzanlagen des SED-Regimes fotografisch festhalten.
Warnung vor Verharmlosung der DDR
Neben dem Einblick, wie die Mauer in das Leben der West- und Ost-Berliner eingriff, führen die ersten zwei Tafeln in die allgemeine Geschichte der deutsch-deutschen Teilung ein. Zusätzlich zu einer Grafik zum Verlauf der Grenzanlagen bietet sie auch ein Diagramm zur Entwicklung von Flucht- und Ausreisebewegungen.
Die Ausstellung, die bis zum 17. August zu sehen ist, verdeutlicht die Brutalität und Grausamkeit der DDR-Regierung. Doch immer wieder werde das SED-Regime verharmlost, mahnte Weimer. "Wir erleben im Moment in Deutschland eine Verharmlosung der DDR aus politischen Motiven, von Linksaußen und Rechtsaußen. Gerade deswegen ist es wichtig, dass wir diesem Übel ins Auge schauen, es benennen und es sichtbar machen."
Fluchtversuch durch Tunnel scheitert
Vor einer Verharmlosung warnte auch die Zeitzeugin Renate Werwigk-Schneider. "Sie können mir nichts Böseres antun, als wenn Sie jetzt sagen: 'Sag mal Renate, alte Freundin, so schlimm war es doch gar nicht'. Es war eine Diktatur und das muss man erkennen", sagt sie der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Auch sie war bei der Eröffnung des temporären Gedenkortes zu Gast.
1938 geboren, wuchs sie im Osten in einer DDR-kritischen Pfarrers- und Arztfamilie auf. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch nach West-Berlin durch einen Tunnel wurde sie zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Bundesrepublik kaufte sie nach einer erneuten Haft 1968 frei.
Ihre Geschichte erzähle sie, damit auch die nachfolgenden Generationen verstehen, dass Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich seien. "Ich bemühe mich von allen Seiten zu schauen, wie ich meine Stimme erheben kann", sagt sie. "Freiheit des Redens, Freiheit des Wählens, Freiheit, den Wohnort zu bestimmen und wieder auf dem Ku'damm ins Kino zu gehen. Alles das kann ich jetzt."
Mit Pizza den Mauerfall gefeiert
Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, war Werwigk-Schneider in ihrem Haus in Lichterfelde im Westen der Stadt. "Dann kamen 20 meiner ostdeutschen Verwandten und Bekannten an. Die hatten alle Trabis und kamen plötzlich mit Schlafsäcken und Decken und haben bei mir übernachtet", erinnert sie sich. "Wir haben den Pizzadienst bestellt, sind später zur Philharmonie gegangen und haben so den Mauerfall gefeiert."
Wie die Berliner Mauer wird auch die Installation am Brandenburger Tor wieder verschwinden. Doch anders als die damalige Mauer ist die jetzige Konstruktion aus Aluminium und teils transparent. Im Ganzen betrachtet ist sie zwar blickdicht - doch wenn man frontal auf sie schaut, kann man aufgrund der wabenförmigen Struktur der Wand teilweise die andere Seite erkennen. Das verdeutliche die Hoffnung, sagte Weimer.
Programm in ganz Berlin
Neben dem temporären Gedenkort sind an weiteren Plätzen der Stadt Aktionen geplant. So sind laut den Organisatoren - der Gesellschaft Kulturprojekte Berlin und der Stiftung Berliner Mauer - ab sofort Plakate und Infotexte entlang einiger S-Bahn-Stationen angebracht, die auf die Geschichte von früheren Grenz- und Geisterbahnhöfen und Berlins Teilung im Untergrund aufmerksam machen. Zudem finden demnach an vielen Orten Führungen, Konzerte und Lesungen zum Thema statt.