100 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und dem Vatikan

Am 20. Juni 1920 wurde Titularerzbischof Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., der seit 1917 Nuntius in München war, zum Apostolischen Nuntius in Deutschland ernannt. Einhundert Jahre ist es her, dass der Heilige Stuhl und Deutschland diplomatische Beziehungen unterhalten. Heute sind der Vatikan und die Bundesrepublik Deutschland mit jeweils fast 180 diplomatischen Vertretungen, die Staaten mit der höchsten Anzahl von Botschaften weltweit.

Dass diese beiden Staaten erst 1920 gegenseitig diplomatische Beziehungen aufnahmen, ist vor 100 Jahren längst nicht selbstverständlich gewesen. Zu sehr waren die Beziehungen zur katholischen Kirche durch Otto von Bismarcks Kulturkampf belastet, weshalb für die kirchlichen Belange die Apostolische Nuntiatur in München seit 1785 stets Aufgaben außerhalb von Bayern wahr nahm.

Erst die Weimarer Nationalversammlung erörterte die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl, als Friedrich Ebert (SPD) im Februar 1919 dem Papst seine Wahl zum Reichspräsidenten anzeigte. Daraufhin übermittelte Papst Benedikt XV. an Ebert seinen Wunsch nach engeren Beziehungen zum Deutschen Reich.

Am 27. August 1919 traf Reichspräsident Ebert mit Eugenio Pacelli in München zusammen und bat um moralische und politische Unterstützung der katholischen Kirche beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands. Einen Monat später gab Reichsaußenminister Hermann Müller (SPD) bekannt, dass der bisherige Preußische Gesandte Diego von Bergen als Botschafter beim Heiligen Stuhl auserkoren worden sei. Es war ein wichtiges politisches Signal, dass Deutschland als Verlierer des Ersten Weltkriegs nun wenigstens aus der diplomatischen Isolierung heraustrat.

Auf Drängen des Heiligen Stuhls gab die Reichsregierung endlich am 23. März 1920 bekannt, dass man sich auf die Errichtung der Nuntiatur in Berlin geeinigt hatte. Die Apostolische Nuntiatur in München sollte neben der zu errichtenden Nuntiatur beim Deutschen Reich weiter bestehen und Bayern behielt seinen Gesandten beim Heiligen Stuhl. Der Protestant Diego von Bergen wurde am 16. April 1920 der erste Botschafter des Deutschen Reiches beim Vatikan. Anlässlich seiner Beglaubigung am 30. April 1920 kündigte Papst Benedikt XV. die Ernennung Pacellis zum Apostolischen Nuntius beim Deutschen Reich an.

Doch Pacellis Akkreditierung als Nuntius in Berlin ließ auf sich warten: Pacelli wollte solange in München bleiben, bis die von ihm seit 1919 betriebenen Konkordatsverhandlungen mit der bayerischen Staatskanzlei beendet waren. Zu Unrecht wurde Pacellis unterstellt, dass er nur ungerne München verlassen wollte. Denn tatsächlich hatte er seine persönlichen Belange stets zurückgestellt. Am 22. Juni 1920 ernannte Kardinalstaatssekretär Gasparri den Münchener Nuntius immerhin zusätzlich zum Nuntius beim Deutschen Reich. Am 30. Juni 1920 erhielt Pacelli als „Apostolischer Nuntius in Deutschland“ seine Beglaubigung. Erst als das Bayerische Konkordat am 29. März 1924 unterzeichnet war, erfolgte am 19. August 1924 Pacellis dauerhafte Übersiedelung nach Berlin. Seine Besuche der regionalen Kirchentage sowie zahlreicher Pfarreien und kirchlicher Einrichtungen in Berlin begünstigten weit über die Stadtgrenzen Berlins den Aufschwung des kirchlichen Lebens in der Diaspora. Nicht ohne Grund zählten mutige Gegner des Nationalsozialismus wie die Berliner Erich Klausener, Bernhard Lichtenberg und Konrad Graf von Preysing zu den treuen Berliner Wegbegleiter Pacellis, der im Dezember 1929 als Nuntius abberufen und 1930 päpstlicher Staatssekretär wurde.