Aus Kunstwerken neue Hoffnung schöpfen Wie Berlins Bode-Museum bei der Suizidprävention helfen will

Berlin (KNA) Kunstwerke und Suizidprävention: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun - sollte man meinen. Doch das Bode-Museum auf der weltberühmten Berliner Museumsinsel wagt die Verbindung. Auf einem neuen Rundgang zu sieben Objekten in seinen Skulpturensammlungen will es für das Thema Lebenskrise sensibilisieren. Und es will mit Hilfe der Beispiele aus mehreren Jahrhunderten ermutigen, wieder Mut zu fassen.

"Statistisch haben wir jede Woche einen Besucher oder eine Besucherin, die sich irgendwann das Leben nehmen werden", rechnet der der Medienpädagoge Wolfgang Davis hoch, der den Media-Guide für die Tour mitentwickelte. Über 9.000 Menschen waren es bundesweit im vergangenen Jahr - das sind mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen starben.

"Dennoch sind Suizidgedanken nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu", betont Markus Geißler, Leiter der ebenfalls neuen Berliner Fachstelle Suizidprävention. Auch die Einrichtung in Trägerschaft der Caritas will bei Gedanken an Selbsttötungen Betroffene und Angehörige multimedial unterstützen und ist Kooperationspartner des Museumsprojekts.

Die Idee dazu kam von Benjamin Ochel, dem Bereichsleiter für Krisenintervention und Suizidprävention der Berliner Caritas, gemeinsam mit Maria Lopez-Fanjul. Die Kuratorin ist im Bode-Museum dafür verantwortlich, innovative Projekte zu entwickeln und neue Besuchergruppen anzusprechen. Mit ungewöhnlichen Ausstellungsprojekten etwa darüber, was Exponate des Bode-Museums über die Rolle der Frau aussagen, hat sie in der bereits für Aufsehen gesorgt.

Zusammen mit weiteren Mitarbeitenden konzipierten Lopez-Fanjul und Davis den neuen Rundgang zu den bislang sieben Ausstellungsstücken. Ausgewählt haben sie jeweils ein Kurator oder eine Kuratorin des Museums in Hinblick auf eine selbst erfahrene Lebenskrise. Über einen QR-Code sind Ausschnitte aus Interviews abrufbar, in denen sie kurz über die kunstgeschichtlichen Hintergründe ihres ausgesuchten Objektes sprechen und darüber, was es ihnen persönlich bedeutet.

So entschied sich Elisabeth Ehler nicht - wie Kolleginnen oder Kollegen - für die Skulptur einer leidenden Gottesmutter Maria, sondern für eine Pilgerampulle aus dem 5. bis 6. Jahrhundert nach Christus, die Menschen damals als Andenken diente. Ehler wählte das Artefakt aus, weil es für sie ein Sinnbild für eigene Pilgerreisen in Zeiten der Arbeitslosigkeit war. Diese Lebensphasen waren für sie mit großen persönlichen Krisen verbunden. "Die Pilgerampulle erinnert mich daran, wie ich bei diesen Pilgerreisen wieder neuen Zuversicht für mich und meinen beruflichen Weg gewinnen konnte", erklärt die Kuratorin der frühchristlichen byzantinischen Sammlungen.

Neben den bis zu dreiminütigen Objektgeschichten gibt es im Media-Guide, der etwa über das eigene Smartphone abrufbar ist, auch ein zehnminütiges Video, in dem Betroffene und Experten über ihre Erfahrungen mit dem Thema Suizid sprechen. Wer sich diese Beiträge in Ruhe anhören will, kann auf einem von drei großen Sofas an verschiedenen Orten des Museums Platz nehmen; sie wurden eigens für das Projekt angeschafft. Dort gibt es zudem Flyer mit weiteren Informationen und Kontaktdaten zu Krisendiensten.

"Unser Projekt hat nicht den Anspruch, die Aufgaben etwa von Krisendienste zu ersetzen", stellt Davis klar. "Unser Ziel ist vor allem, auf das Thema Suizid aufmerksam zu machen und es in die Öffentlichkeit zu holen." Denn jeder Mensch könne in eine Lage geraten, die sich zu einer schweren Lebenskrise entwickelt.

Das Museum könne in einem solchen Fall zu einem Zufluchtsort werden, wünscht sich auch Cäcilia Fluck. "Wir wollen kein elitärer Musentempel sein", betont die stellvertretende kommissarische Leiterin des Bode-Museums.