Berlin (KNA) Ein Museum soll kein Elfenbeinturm sein. Es soll aktiv in die Gesellschaft hineinwirken, lautet eine Forderung seit den 1960er Jahren. Das Museum Europäischer Kulturen in Berlin-Dahlem kommt diesem Postulat nun weit entgegen.
Unter dem Titel "daHEIM: Einsichten in flüchtige Leben" ist dort seit 22. Juli 2016 eine ungewöhnliche Ausstellung zu sehen. Wo einst Schätze der Gemäldegalerie untergebracht waren, hängt heute etwa eine Pinnwand mit Wohnungsgesuchen. Amer aus Damaskus sucht ein Einzimmerapartment. Auch Alawad, der in Syrien französische Literatur studierte, hofft auf eine Unterkunft. Neben Arabisch und Französisch spricht er Englisch und Italienisch und lernt zur Zeit Deutsch, wie zu erfahren ist.
Ihre Beiträge entstanden im Rahmen eines Projektes von "KUNSTASYL". Es ist eine Gemeinschaftsinitiative von Berliner Künstlerinnen und Künstlern und Asylsuchenden. Seit März erarbeiteten sie Facetten um die Themen Heim und Heimat. "Das Ziel ist die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten zur Bestimmung ihres kulturellen Erbes", erklärt Projektmanagerin Barbara Caveng. Erfahrungen, Wünsche, Lebensperspektiven und Wohnwelten der Geflüchteten wurden mit künstlerischen Mitteln durchgespielt und festgehalten.
So hat Bereket aus dem Süden Eritreas im Garten des Museums ein Wohnhaus nach Tradition seiner alten Heimat nachgebaut. Unter anderem brauchte er eine Fuhre Stroh, Kieferpalisaden, 200 Meter Weiden und Hunderte Meter Schnur zur Konstruktion seines ersten Daches in Deutschland.
"Jeder Mensch hat ein besonderes Talent", betont Barbara Caveng. "Wenn jeder seine individuelle Begabung kreativ einbringt, ist das für eine Gemeinschaft von großem Nutzen." Für sie stellt die Schau ein "soziales Labor" dar, in dem Modelle für die gesamte Gesellschaft erprobt werden können. Ein außergewöhnliches Projekt ist die Ausstellung für die Künstlerin auch deshalb, weil die Teilnehmer durch ihre Erlebnisse teilweise schwer traumatisiert sind. Für sie bedeutet die Aufarbeitung der eigenen Geschichte auch eine Art Therapie: "Das Projekt ist Schmerz."
So zeugt eine Wandzeichnung von den Grausamkeiten des sogenannten "Islamischen Staates" (IS). Im Vordergrund steht ein Henker mit Schwert, dahinter wiederholen sich Reihen von kleinen Strichmännchen, alle in gleicher Weise gezeichnet. Die Köpfe scheinen waagerecht auf dem Körper zu liegen: "Es ist eine Welt, die komplett aus den Fugen geraten ist", kommentiert Caveng das Werk.
An Melisa, ein Roma-Mädchen aus Bosnien, erinnert in der Ausstellung eine rosa "Kitticat"-Katze aus Plüsch. Melisa und ihre Großmutter mussten Berlin nach zweijährigem Aufenthalt wieder verlassen. Sie wurden in ihre "Heimat" zurück geschickt, die sie wegen eines rassistischen Überfalls verlassen hatten.