Die Generation Smartphone ist international. Sie surft und twittert, postet ihre neuesten Infos und Eindrücke auf Facebook und WhatsApp. So wird es auch beim Weltjugendtag Ende Juli in Krakau sein, wenn bis zu zwei Millionen Teilnehmer aus aller Welt mit Papst Franziskus zusammenkommen. Verschwunden sind Unterschiede in den religiösen Traditionen auch bei jungen Katholiken deshalb noch lange nicht.
Vor allem zwischen Jugendlichen aus Deutschland und Polen werden sie weiter deutlich. "Deutsche fragen, warum es bei den Nachbarn keine Messdienerinnen gibt", hört Manfred Deselaers immer wieder. "Polen wundern sich, dass auf der anderen Seite von Oder und Neiße so wenige Katholiken sonntags zur Kirche gehen".
Deselaers ist Vizepräsident der Stiftung Zentrum für Dialog und Gebet beim früheren Konzentrationslager Auschwitz im südpolnischen Oswiecim. Er hilft Besuchergruppen, die Eindrücke des nationalsozialistischen Vernichtungssystems zu verarbeiten. Dabei stellt er immer wieder fest, dass es zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen "viele Vermutungen übereinander" gibt - "aber nur wenige Fragen aneinander". Er hofft, dass der Weltjugendtag auch ein Forum wird, "einander einfach mal nur zuzuhören".
Unterschiedliche Erfahrungen mit Kirche und Religion gibt es jedenfalls genug. In Deutschland scheint der Abschied von der Volkskirche noch in vollem Gange. Nur jeder zehnte Katholik besucht jeden Sonntag die Messe. Im Vergleich dazu hat sich die Kirche bei den östlichen Nachbarn in den vergangenen 25 Jahren trotz rasanter "Verwestlichung" vieler Lebensbereiche unerwartet gut behauptet.
Jeder zweite polnische Katholik geht mindestens einmal in der Woche in den Gottesdienst, auch wenn der Kirchgang seit knapp zehn Jahren etwas nachlässt. Noch stärker fallen die Unterschiede bei anderen Formen katholischer Kirchlichkeit aus. So wird in Polen regelmäßig gebeichtet, während dies hierzulande kaum mehr der Fall ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Beten des Rosenkranzes und dem andächtigen Knien bei der Wandlung.
Eine weitere wichtige Differenz macht das Verhältnis von Religion und Nation aus. "Ein guter Pole ist ein guter Katholik", heißt es nach Erkenntnissen des Münsteraner Religionssoziologen Detlev Pollack immer noch vor allem in konservativen Kreisen. Sie können sich darauf berufen, dass über 90 Prozent ihrer Landsleute der katholischen Kirche angehören. Deutsche Jugendliche aus den alten Bundesländern erleben eine multireligiöse Gesellschaft heute dagegen schon von Kindesbeinen an.
Ungeachtet der konfessionellen Einheitlichkeit ist Polen derzeit in Politik, Gesellschaft und auch der Kirche tief gespalten. Es geht um die Frage, inwieweit sich das Land weiter westlichen Einflüssen öffnet oder sich davor abschottet, so der Buchautor und Polen-Kenner Steffen Möller. Beim Weltjugendtag könnten die auseinander driftenden Positionen in der Bewertung von Papst Franziskus und dessen Eintreten für Flüchtlinge deutlich werden, meint der evangelische Theologe. "Das Thema Flüchtlinge ist in Polen sehr negativ besetzt", so Möller, gegenwärtig der prominenteste Vermittler deutscher und polnischer Lebensart in den Medien.
Bei den Begegnungen auf dem Weltjugendtag sieht Pfarrer Deselaers in den Unterschieden nicht nur Zündstoff, sondern auch Chancen. "Deutsche könnten dafür werben, dass es die eigene Identität nicht gefährden muss, für andere Religionen offen zu sein", sagt der Seelsorger. "Polen könnten ein Beispiel dafür sein, wie Beten hilft, eine religiöse Heimat zu finden." Steffen Möller, der beide Länder auf der Kabarettbühne aufs Korn nimmt, sieht auch viele Gemeinsamkeiten. "Wenn man hinfährt, wird man merken, dass Polen uns von allen Nachbarländern am ähnlichsten ist, jedenfalls ähnlicher als Holland oder Frankreich."