Wer glaubte, die neue Gestalt der Sankt Hedwigs-Kathedrale zu kennen, bekam bei der Kirchenführung von Künstler Leo Zogmayer völlig neue Einsichten. Zusammen mit dem Erzähler Peter Gösswein, erläuterte er am Tag des Offenen Denkmals einige wenige Details.
So erfuhren die Führungsteilnehmer, dass die Berliner Kathedrale als bisher einzige weltweit das Communio-Prinzip konsequent umgesetzt hat. Keine Trennung mehr von Altar und Klerus, sondern eine einzige Versammlung auf Augenhöhe rund um den runden Altar. Biblisch begründet durch die Aussage Jesu: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben.“ So spricht der Künstler auch lieber vom „Tisch des Brotes“ als vom „Altar“, ein Wort, das für den Opfergedanken steht.
Wem die neue Gestaltung zu kahl und leer vorkommt, erwidert Zogmayer gern: „Wir brauchen die Leere, damit die Fülle auftreten kann.“ Widerstände gegen Neues gibt es in der Geschichte zur Genüge, wenn es zum Beispiel um einen neuen Malstil oder Musikstil geht. „Widerstand ist Teil des Prozesses zu einem neuen Weg.“
Beeindruckend war der schweigende Rundgang aller Teilnehmenden durch die Krypta. Der abstrakte Kreuzweg – Steinplatten mit sich durchkreuzenden, stetig weniger werdenden Bruchlinien – sollte zunächst ohne Worte auf sie wirken. Anders als konkrete Darstellungen vom Leidensweg Jesu sind diese 14 Bodenplatten universell verständlich. Ein Weg des Heilwerdens und Ganzwerdens wird erlebbar, ist doch die letzte Platte der 14. Station vollständig frei. Zogmayer: „Ein Weg der Befreiung vom Leid zur Liebe, erfahrbar auch für Menschen, die wenig vom Christentum wissen.“
Einer neuen Symbolsprache bedient sich auch die „Kapelle der Wiederkunft Christi“ („Crossfit“) in der Unterkirche. „Künstlerbischof“ Hermann Gletter aus Innsbruck hat von Särgen vor der Kremierung abgenommene Kruzifixcorpora nicht entsorgen lassen, sondern ihnen eine neue Bedeutung gegeben. So entstand eine Wand-Installation von miteinander verbundenen Christusfiguren. „Jedes Kruzifix steht für einen Menschen, niemand ist isoliert.“ Verschiedenste Assoziationen gab es dazu: Tanz der Auferstehung, Aufstiege und Abstürze im Leben, Massengrab, vom Abfall zur Botschaft …
„Am stärksten hat mich der Raum der Umkehr angesprochen“, sagte eine Teilnehmerin. Ein Triptychon aus schwarzen Glasplatten wirkt wie ein Spiegel und lädt ein zu Fragen nach den dunklen Anteilen im eigenen Leben. „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen“, zitierte Zogmayer aus der Bibel. Auch Wohnungen für Sünder und Umkehrer. Statt Belehrung soll dieser Raum zur Selbsterfahrung anregen. Ermutigt zu eigenen Erkundungen und Wertungen verließen die Teilnehmenden die Kathedrale.
Ist die Kathedrale nun fertig? „Sie wird wohl nie ganz fertig werden“, betonte Dompropst Tobias Przytarski. Was als Nächstes fertig wird, ist jedoch die Rotunde, der Annex-Raum gegenüber dem Eingangsportal. Zugleich Sakristei und im Kuppelraum Raum der Anbetung. Der ursprünglich vorgesehene „Jetzt-Raum“ für temporäre Ausstellungen wurde fallengelassen. Auch am liturgischen Rahmenplan wird noch gearbeitet. So sollen bald Familiengottesdienste und neue Gottesdienstformen regelmäßig angeboten werden.
Das Gotteshaus steht werktags von 11 Uhr bis 18 Uhr allen offen, freitags bis 20 Uhr, sonntags ab 13 Uhr. Gottesdienste sind täglich um 8 Uhr und 18 Uhr, sonntags zusätzlich um 10 Uhr und 12 Uhr. Zu 30 Minuten Orgelmusik wird freitags um 16 Uhr eingeladen. Zum musikalischen Mittagsgebet am Dienstag, Donnerstag und Samstag um 12 Uhr.