Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

Was Obdachlose brauchenSozialamt Lichtenberg und Katholische Hochschule forschen gemeinsam

Jahreskampagne der Caritas

Immer mehr Menschen verlieren ihre Wohnung oder werden obdachlos. Auch in Berlin-Lichtenberg  leben Männer und Frauen, die kein Dach überm Kopf haben. Die Pfarrgemeinde Zum Guten Hirten fragte nach: Wie ist die Wohnungslosenhilfe im Stadtbezirk aufgestellt, und kommt deren Hilfe auch an? Dazu hatte sie die Lichtenberger Sozialstadträtin, Vertreter der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin sowie der Caritas-Wohnungslosenhilfe Lichtenberg in ihr Pfarrzentrum eingeladen.

Ist es nur ein Eindruck, oder gibt es tatsächlich in Berlin-Lichtenberg immer mehr Menschen ohne Dach überm Kopf? Welche Hilfsangebote erhalten sie, und kommt die Hilfe an? Um solche Fragen fundiert zu beantworten, unterzeichneten der Präsident der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB), Professor Dr. Ralf-Bruno Zimmermann, und die Lichtenberger Sozialstadträtin Birgit Monteiro (SPD) im September 2017 ein Forschungsprojekt.

Beim Podiumsgespräch, zu dem der Pfarrgemeinderat der Gemeinde Zum Guten Hirten ins Pfarrzentrum von Friedrichsfelde eingeladen hat, stellt zunächst die Leiterin der Caritas-Wohnungslosenhilfe Lichtenberg, Dagmar von Lucke, ihre Arbeit vor.  In die Beratungsstelle kommen Mietschuldner, denen die Räumung droht, Menschen, die in unzumutbaren Situationen leben, „zum Beispiel jetzt im Winter in einer Gartenlaube“, Familien in Gewaltsituationen oder Frauen, die „couchsurfing“ betreiben, also „mal eben“ bei Freundinnen übernachten  und sich schämen, keine eigene Wohnung mehr zu haben. Sie verweist auf Gruppen von Obdachlosen, die besonders „verletzlich“ seien: „Beispielsweise Kinder und Jugendliche, die sich ‚entkoppelt‘ haben von der Familie, der Schule oder dem Lehrbetrieb.“ Die Hilfsangebote brauchen, die „nicht nach Behörde riechen“. Auch ältere, gebrechliche, psychisch kranke Menschen zählten zu den besonders gefährdeten Gruppen.  

„Am Anfang steht oft eine persönliche Krise“, ergänzt Cornelia Bier von der Caritas-Wohnungslosenhilfe. „Zum Beispiel, wenn jemand es nach der Trennung vom Partner nicht schafft, sich alleine um alles zu kümmern, die Post vom Vermieter nicht mehr öffnet, dann vielleicht Alkohol ins Spiel kommt.“ Meist sei es ein ganzes Paket von Problemen, und „wir von der Caritas packen dieses Paket dann zusammen mit dem Klienten aus.“ 

Die Lichtenberger Sozialstadträtin und stellvertretende Bezirksbürgermeisterin, Birgit Monteiro (SPD) verweist auf die Studie der Katholischen Hochschule und betont, das Engagement des Bezirksamts müsse immer wieder überprüft werden: „Wir schauen, ob das, was wir anbieten, das Richtige ist und ob das, was wir tun, die Wohnungslosen auch erreicht.“ Das gelte besonders für ein zielgenaues Helfen, „weil beispielsweise Geflüchtete ohne Wohnraum andere Probleme haben als einheimische Wohnungslose oder als EU-Bürger ohne Dach überm Kopf“. Um differenzierter agieren zu können, wurden gemeinsam mit der Katholischen Hochschule in einem ersten Schritt die Strukturen der Wohnungslosenhilfe in Lichtenberg untersucht.

Professor Dr. Hans-Joachim Schubert leitet das Forschungsprojekt. Er nennt eine  Liste von Akteuren auf dem weiten Feld der Wohnungslosenhilfe: Sozialamt, Jugendamt, das Jobcenter, der sozialpsychiatrische Dienst, medizinische Einrichtungen, Schuldnerberatungen. Sozialverbände, Kirchen, Vereine bieten im Auftrag des Sozialamts oder in Eigenregie Hilfen an. Sein Fazit: Einerseits biete dieses zersplitterte Hilfssystem Chancen, ein Problem zielgerichtet bekämpfen zu können. Andererseits bestünde Gefahr, dass sich Wohnungslose „hin- und hergeschoben fühlen zwischen den Zuständigen“.  

Professor Dr. Jens Wurtzbacher von der KHSB nennt ein Beispiel für diese Schnittstellenproblematik „Wenn ein Jugendlicher 18 ist, endet die Zuständigkeit der Jugendhilfe. Was passiert, wenn die Übernahme durch die Wohnungslosenhilfe nicht klappt? Kriecht er dann erstmal bei Kumpels unter und landet irgendwann auf der Straße?“ Wer einmal auf der Straße lebt, sei nur schwer wieder „einzufangen“.

Erschwerend sei, dass bei der Vergabe von Wohnraum an Obdachlose jeder Stadtbezirk eine eigene Strategie habe. Eine gesamtstädtische Steuerung der Wohnraumvergabe könnte da hilfreich sein. Die Sozialstadträtin stimmt dem zu.  Der Senat tue sich schwer bei behördlichen Hoheitsthemen. Hinzu käme eine „Zersplitterung der Lebenswelten“: „Der Bürger sieht die Obdachlosen auf dem U-Bahnhof und fragt mich als Politikerin, wann ich die endlich ‚wegräume‘.“ 

Auch wenn die Wohnungslosenhilfe des Bezirksamts Lichtenberg gut aufgestellt sei, wie die Studie besagt, gesamtgesellschaftliche Probleme kann sie nicht lösen. Professor Schubert bringt es auf den Punkt: Solange bezahlbarer Wohnraum für sozial Benachteiligte fehlt, Wohnungen Spekulations- und Renditeobjekte sind, solange bestünde die Gefahr, dass die Obdachlosigkeit weiter zunimmt. „Die Politiker müssen sich fragen, ob sie Wohnen als ein gesamtgesellschaftliches Gut anerkennen, für das die Gesellschaft dann auch Verantwortung trägt.“

Die „Zersplitterung der Lebenswelten“ führe dazu, dass die „Mittelschichtsgesellschaft, zu der auch Friedrich Merz gehört, die Schicksale von Menschen, die von einer niedrigen Grundsicherung leben müssen und in die Wohnungslosigkeit abrutschen, gar nicht mehr versteht.“ Schwere persönliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, plötzlicher Einkommensverlust, Mietschulden oder Desintegration und Vereinsamung hätten immer auch ihre Ursachen in schweren gesellschaftlichen Problemen.

Rückblende: Als Mitglieder der Karlshorster Gemeinde St. Marien vom ersten Kältetoten des Winters 1991/92 erfuhren, waren sie fassungslos – und fassten einen kühnen Plan: Sie organisierten im Pfarrhaus eine Notübernachtung für Obdachlose - mit einfachen Mitteln und überschaubaren Regeln. Nach einem gemeinsamen Abendbrot wurde erzählt, „Uno“ gespielt, gelacht und auch getrauert über Lebenspläne, die zerbrochen waren. Jeweils zwei Gemeindemitglieder übernachteten mit im Pfarrhaus - auf Luftmatratzen in der Küche. Nach dem Frühstück mussten die Obdachlosen zurück auf die Straße - zum Schnorren vor dem Kaufhaus am Alex oder nach Pankow zur Suppenküche der Franziskaner. Abends klingelten sie dann wieder an der Pfarrhaustür, um es für eine Nacht warm und trocken zu haben und freundlich behandelt zu werden.    

Und heute? Auf die Frage, was man als Kirchengemeinde denn tun könne für Menschen, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben, verweist Professor Schubert auf die gegebenen Strukturen: „Die Wohnungslosenhilfe des Bezirksamts ist angewiesen auf bürgerschaftliches Engagement.“ Wer ehrenamtlich helfen will, möge sich an einen der professionellen Akteure anzudocken und dessen Knowhow zu nutzen. Er nennt die Prävention das „A und O der Wohnungslosenhilfe“, denn Obdachlosigkeit könne jeden treffen. „Achten Sie aufeinander, auf Ihre Nachbarn, auf Menschen, die es besonders schwer haben und besonders verletzlich sind.“ Wenn die Wohnung weg ist, sei es meist schon zu spät.

Cornelia Bier bestätigt das: „Der Bezirk Lichtenberg hat ein gutes Netz für Wohnungslose, das stimmt. Aber die Leute kennen es nicht.“ 70 Prozent der Wohnungsverluste, schätzt sie, könnten durch „aufsuchende Hilfe“ vermieden werden. Also dadurch, dass „einer dem Betroffenen mal zuhört“. Oder durch eine Hotline. Oder eine Liste mit Kontaktdaten, um Hilfesuchende zielgenau vermitteln zu können, wie sie sich der Pfarrer der Gemeinde, Martin Benning, wünscht. Es ginge nicht darum, dass nun jedes Gemeindemitglied „einen Obdachlosen mit nach Hause nimmt“. Auch guter Wille allein reiche nicht, betont die Sozialstadträtin. Für sie ist Sensibilisierung das Zauberwort. Damit die Mittelschicht nicht mehr wegschaut, wenn sie einen Obdachlosen sieht.