Aus Altem etwas Neues machen

Praktikantin Henriette Manthey zieht die Bänder in die Rucksäcke. Foto: Andrea von Fournier

In einem Nähprojekt der youngcaritas werden Rucksäcke für einen guten  Zweck genäht. Junge Berliner Ehrenamtliche stellen so in einer Kooperationbedürftigen Jugendlichen Schulrucksäcke zur Verfügung.

„Oh, ist der schön fest, daraus kriegen wir bestimmt sechs Rucksäcke!“, ruft Johanna Wohlrab erfreut. Einen Tag zuvor hatte jemand den groß karierten Vorhangstoff als Spende am caridoo- Laden in der Berliner Pappelallee im Prenzlauer Berg abgegeben. In diesem Haus betreibt die youngcaritas unter anderem das Upcycling-Nähprojekt „vergissmeinnicht“. Seit 2015 wurden sechs Nähmaschinen-Arbeitsplätze für Freiwillige eingerichtet, um zunächst die wenig nachgefragten Sakkos und Hemden der Kleiderkammer der Caritas als Rucksäcke und Kissenbezüge wieder in den Wertkreislauf zu bringen, ihnen eine neue Nutzung zu geben.

Johanna Wohlrab ist seit März angestellt und für das Projekt verantwortlich. Als sie mit der Arbeit begann, äußerten die Näherinnen den Wunsch nach einem neuen Ziel. Also sah sie sich um, kam mit Marcus Stelter von „Laib und Seele“, der Berliner Tafel, ins Gespräch und bot Hilfe an. Schultüten wurden gerade gebraucht – eine gute Idee, diese einfach mal zu nähen. Aber 300 Stück in kurzer Zeit, das konnte das Projekt nicht leisten.

Einen echten Bedarf decken

Weiteren Bedarf sah „Laib und Seele“ bei Jugendlichen, die mit ihren Müttern in Frauenhäusern der Stadt leben. Rucksäcke, die man ihnen für die Schule gefüllt übergibt, decken einen echten Bedarf. Das schien für Johanna Wohlrab machbar. Die Projektteilnehmerinnen setzten die Maschinen dafür im April in Gang. Zuletzt wurde zum „Nähmarathon“ mit offenem Ende aufgerufen, um die letzten Stiche am aktuellen Vorhaben zu machen und die 85 vereinbarten Rucksäcke fertigzustellen. Anschließend werden sie von „Leo“, dem Nachwuchs des Lions Club Berlin, mit Schulmaterial und kleinen Aufmerksamkeiten gefüllt, bevor die Berliner Tafel sie an die vorgesehenen Oberschüler in den Frauenhäusern übergibt.

„Ist das jetzt der 68. oder der 69.?“, fragt Johanna Wohlrab Henriette Manthey. Die Zehntklässlerin aus Weißensee absolviert im caridoo gerade ein dreiwöchiges Schulpraktikum in einer sozialen Einrichtung. Es gefällt ihr im Laden gut und sie lernt viel. Henriette zählt und kommt auf 69. So viele aus bunten Stoffen gefertigte Beutel liegen schon in der vorgesehenen Transportbox. Säuberlich aus gespendeten Stoffen nach Schnittmuster genäht von über 20 Freiwilligen, zurzeit nur junge Frauen, von denen 15 zum Stamm der fleißigen „vergissmeinnicht“-Näherinnen gehören.

Jedes Stück ist ein Unikat

Manche musste „von Null“ in die Arbeit mit der Nähmaschine und dieses Näh-Stück eingeführt werden, manche können es ganz schnell ohne Erklärungen, wie Barbara Stahlberg. Sie liebt das Nähen seit Kindertagen bei der Großmutter. Es bereitet ihr keine Schwierigkeiten, den Außenrucksack mit einem Futter zu vernähen, vier Schlaufen für die Schulterbänder und einen breiten Tunnelzug für das Band zum Zuziehen und Tragen zu arbeiten. Nicht zu vergessen: Das Label, das den Rucksack als Unikat des „vergissmeinnicht“-Projekts ausweist.

Bald werden Hemden, Vorhänge, verschlissene Hosen oder Tischdecken nach Upcycling den neuen Nutzern wieder Freude bereiten. Um 21 Uhr am Nähmarathon- Abend, für den Johanna Wohlrab Snacks, Obst, Getränke und Pizza organisiert hat, wird der letzte Rucksack fertig.

Für neue Mitstreiter wirbt „vergissmeinnicht“ ständig in den sozialen Medien wie Instagram, Facebook und TikTok, auf der Internetseite und Ehrenamtsmessen. Zum „Upcycling-Day“ vor drei Wochen gab es einen männlichen Interessenten, der sich mit zwei Freunden bei dem Projekt umschauen will. Grund zur Freude auch bei allen Frauen, die zurzeit dort nähen kommen.