In Berlin wurden Behindertenwerkstätten in der Corona-Krise vom Senat geschlossen. Dennoch muss die Arbeit weitergehen, die Einnahmen sind überlebenswichtig. Georg Mesus berichtet über die Situation in den Delphin-Werkstätten.
Normalerweise wuseln die Beschäftigten mit Handicap durch die Räumlichkeiten der in der Pankstraße in Franz.-Buchholz gelegenen Außenstelle der Delphin- Werkstätten für Behinderte Menschen in Trägerschaft des SkF e.V. Berlin (Sozialdienst katholischer Frauen). Dort und in der Hauptwerkstatt (Wilhelm- Kuhr-Straße, Pankow) arbeiten insgesamt 300 Mitarbeiter mit und ohne Handicap, einschließlich der Betreuer, Gruppenleiter und des Sozialdienstes. Aber was ist in der jetzigen Situation schon normal? Seit dem 23. März sind die Werkstätten für Menschen mit Behinderung per Senats-Verordnung, mit einigen Einschränkungen, bis auf weiteres geschlossen. Alle Beschäftigten sind bei weitergezahlten Entgelten von der Arbeit freigestellt. Für die Produktion werden die notwendigen Tätigkeiten in der Werkstatt meist von den Gruppenleitern ausgeführt. Dabei werden sie unterstützt durch Angehörige, Ehrenamtliche und Betreuer. Denn die Werkstatt muss Einnahmen erwirtschaften und kann es sich nicht leisten, vorhandene Auftraggeber, mit denen man schon lange Zeit zusammenarbeitet, zu verprellen. Meist sind es Unternehmen, die sich bewusst für Behindertenwerkstätten entschieden haben. Arbeit wartet auf die verbliebenen Mitarbeiter mehr als genug. Was bislang 300 Mitarbeiter produzierten, soll von den verbliebenen 70 Mitarbeitern bewältigt werden. Da müssen auch neue Wege beschritten werden. Beispielsweise werden Aufträge an in Heimen lebende Mitarbeiter vergeben. Die Arbeitsmaterialien werden vorbeigebracht und am nächsten Tag werden die fertigen Produkte wieder eingesammelt. Das stärkt auch den Kontakt untereinander. Aus diesem Grund habe ich mich, nach Rücksprache mit der Werkstatt-Leitung, entschlossen, freiwillig mit meinem Sohn Johannes (Down-Syndrom) an zwei Tagen der Woche für einige Stunden in den Delphin- Werkstätten mitzuarbeiten. Johannes ist in der Konfektionierung tätig. Unter anderem klebt er Etiketten auf Verpackungsmaterial, bereitet Verpackungen für die Befüllung vor, stempelt Gütesiegel auf Produkte. Diese Arbeiten habe nun auch ich ausgeführt und seitdem habe ich Hochachtung für alle Beschäftigten mit oder ohne Handicap, die diese Tätigkeiten ausführen. Nicht zu vergessen, dass es bei den Beschäftigten auch einige gibt, die mehr beeinträchtigt sind und der zusätzlichen Aufmerksamkeit der pädagogisch besonders ausgebildeten Gruppenleiter bedürfen. Für die Teilnehmer im Berufsbildungsbereich werden durch die Sozialdienstmitarbeiter alternative Lernangebote vorgehalten und individuelle Lernpakete erstellt, die zu Hause bearbeitet werden können. Die Aufgaben werden gemeinsam besprochen – auch das hilft, den Kontakt zu denen, die nicht in die Werkstatt kommen können, aufrecht zu erhalten. Ab dem 18. Mai soll unter bestimmten Auflagen die Beschäftigung und Betreuung für Menschen mit Behinderung wieder gestattet werden. Die Zahl der gleichzeitig genutzten Arbeitsund Betreuungsplätze ist jedoch auf 35 Prozent der normalen Kapazität zu begrenzen. Die Umsetzung dessen stellt die nächste Herausforderung für die Verantwortlichen dar.