Das Thema ist Beziehung

Unter Palmen: Uta Raabe beim Sommerinterview in der Berliner Strandbar "Berlin Mitte".

In einer Reihe von Sommer-Interviews lässt der Tag des Herrn Persönlichkeiten aus dem Raum der Kirche zu Wort kommen. In Teil 2 spricht Uta Raabe, die im Berliner Ordinariat für die Seelsorge verantwortlich ist.

Frau Raabe, wie urlaubsreif sind Sie?

Ich kann nicht sagen, wie sehr – aber ich bin urlaubsreif, um einfach durchzuatmen.

Wie und mit wem verbringen Sie Ihren Urlaub?

Ich verbringe den Urlaub mit meinem Mann und meinem Sohn. Als wir die Ferienplanung gemacht haben, habe ich gesagt: Ich möchte einfach nur zuhause bleiben. Jetzt bleiben wir zuhause, und das ist wunderbar: Wir entdecken als Familie, dass wir ein gemeinsames Zuhause haben.

Sie sind fast fünf Jahre Leiterin des Seelsorgeamts …

Genau, im November werden es fünf Jahre. …

ich frage mich manchmal, wie passen eigentlich „Seelsorge“ und „Amt“ in ein Wort?

Als ich im November 2013 anfing, sagte meine Sekretärin: „Damit eins klar ist: Das hier ist nicht das Seelsorgeamt, es ist das Dezernat Seelsorge.“ Sie sagte, Seelsorge und Amt passen nicht zusammen. Es ist sehr schwer, diesen Begriff, der über Jahrzehnte eingeübt ist, aus den Köpfen und aus dem Sprachgebrauch herauszubekommen. Seelsorgeamt spricht sich leichter als Dezernat Seelsorge. Aber das passt eigentlich auch nicht mehr angesichts der bevorstehenden Veränderungen.

Welche Veränderungen?

Ich meine die Veränderungen im Ordinariat. Wir haben im letzten Jahr die „Leitgedanken“ für das Erzbistum Berlin verabschiedet. Das, was sich mit dem Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ in den Pfarreien und Pastoralen Räumen verändert, hat Auswirkungen auf das Ordinariat. Wir denken daher darüber nach, was die geeignete Organisationsform ist. Deshalb gibt es eine strukturelle Veränderung, die wesentlich getragen ist von der Frage: Wie kann das, was in den Leitgedanken steht, konkret werden. Diese Konkretion hat Folgen für die Art, wie wir zusammenarbeiten, wie wir bestimmte Sachen standardisieren, weil sie zum Beispiel die Teamarbeit und die geteilte Leitungsverantwortung fördern. Zukünftig wird es daher zwei große Bereiche geben: Sendung und Ressourcen.

Die Aufgaben des Dezernats Seelsorge sind breit gefächert: Sie sind zuständig für die kategoriale Seelsorge, die muttersprachlichen Gemeinden, die Wallfahrten und Großveranstaltungen. Wie genau kriegen Sie mit, was Ihre Mitarbeiter machen?

Wir reden viel miteinander in unterschiedlichen Sitzungen und Besprechungen. Wir planen vieles zusammen, und es gibt eine hohe Verantwortung in den einzelnen Bereichen. Für mich ist das Entscheidende, dass ich das Vertrauen in die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen habe, dass sie das, was wir besprochen haben, umsetzen. Dass ich nicht immer alles mitkriegen muss, dass ich weiß, was wir verabredet haben und in welchem Sinne das umgesetzt wird. Und immer dann, wenn andere betroffen sind, sind verschiedene Kommunikationsformen und Schnittstellen notwendig. Das ist auch ein Grund, warum wir im Ordinariat diese Veränderungen machen, um die Kommunikationswege zu verbessern. Eine Organisation, die sich sehr stark nach den Aufgaben orientiert und nicht nach dem Status des einzelnen, beinhaltet auch, dass es dauernd wechselnde Gruppen gibt, die wechselnde Aufgaben bearbeiten – vor allem im pastoralen Bereich. Da ist immer die Frage: Wen brauchen wir, um diese Aufgabe umsetzen zu können? Da denken wir nicht nur von uns selbst aus. Es gibt ja ganz viele Leute, die wertvolle Beiträge leisten können, weil sie andere Sichtweisen haben.

Das Thema „Partizipation“.

Das Thema Partizipation und partizipative Leitungsformen steht ja auch in unseren Leitgedanken. Partizipation heißt nicht, dass immer alle alles gemeinsam entscheiden, dann wäre ich bei Selbstorganisation. Sondern die Frage ist: Zu welchem Zeitpunkt muss wer informiert werden? Brauche ich Leute, die ein großes Fachwissen haben? Ist die Gruppe, die das plant, in der Lage, diese Entscheidung zu treffen, oder muss diese Entscheidung von jemand anders getroffen werden? Wir bewegen uns in der Kirche zwischen Synodalität und Hierarchie – zwei Brennpunkten einer Ellipse. Die Herausforderung ist, dieses Spannungsfeld im positiven Sinne bei jeder pastoralen Arbeit zu gestalten. Dafür gilt es Formen zu finden, die ermöglichen, nicht jedes Mal nachzudenken, wie mache ich das?

Zwei Bereiche, die vielen Menschen im Erzbistum gerade Schmerzen bereiten, sind der Pastorale Prozess einerseits und der Umbau der Kathedrale, der nach der Sommerpause beginnt. Inwieweit sind diese Schmerzen Felder, die ein Dezernat Seelsorge mit auffängt?

Wir sind ein Teil der Veränderungsprozesse. Und Veränderung ist immer mit Schmerzen verbunden. Immer. Wenn ich merke, ich muss meine Körperhaltung ändern, fange ich an gerade zu sitzen. Dann werden andere Muskeln bewegt. Die fangen auf einmal an zu schmerzen, weil sie das nicht gewohnt sind. Mit viel Übung lassen die Schmerzen nach. Veränderung ist kein Jubelfest. Sie hat immer beides: Kleine Erfolge, durch die ich merke, dass die Veränderung gut tut – und das Zurücksacken, wo die alten Muskeln wieder kommen. Jeder, der mal Rückentraining gemacht hat, kennt das. Man muss immer wieder zu sich sagen: Ich möchte das, weil ich mir davon verspreche, dass es besser wird. Da sind wir wieder bei Veränderungen wie „Wo Glauben Raum gewinnt“ und der Kathedrale, weil es da ja nicht nur um den Umbau eines Kirchengebäudes geht.

Sondern?

Sondern es ist die Frage, wie dieser Rundbau für die Idee von Communio steht – also für eine Gemeinschaft, die nicht nur für dieses Kirchengebäude entscheidend ist, sondern für das ganze Bistum. Wenn wir in unseren Leitgedanken sagen, wir glauben an diesen trinitarischen Gott, der Beziehung ist, dann heißt das für uns: Wie gestalten wir diese Beziehung? Es heißt auch, die Kirche als Communio, als Gemeinschaft – das ist ein ganz altes Bild – zu gestalten. Wir feiern dort, dass diese Gemeinschaft nicht an den Kirchenmauern aufhört. Es geht darum, was sich in dieser Kathedrale und im Bernhard-Lichtenberg- Haus weiter entwickelt. Die Grundidee für diesen Standort ist, die Grundfunktionen der Kirche abzubilden: Liturgie, Diakonie und Verkündigung in der Kathedrale und im Bernhard-Lichtenberg- Haus. Mich treibt das schon um – es gibt ja glühende Gegner und glühende Befürworter – wie man in dieser Situation sagen kann: Trotzdem bleibe ich in der Gemeinschaft. Das kann ich übertragen auf jede Form von christlichem Leben und Gemeinde. Denn in jeder Form von Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Interessen. Die Frage ist dann: Treffe ich mich mit dem anderen nicht mehr? Oder kann ich sagen: Das ist deins, das ist meins – und wie gestalten wir mit diesen unterschiedlichen Interessen unseren gemeinsamen Weg? Und: Wie gehe ich damit um, wenn es keinen Kompromiss gibt? Wenn ich diese Entscheidung nicht teile? Gleichzeitig: Wie gehen die, in deren Sinn die Entscheidung getroffen wurde, mit denen um, die sagen: „Ich finde das falsch“?

Und die Kirchenentwicklung?

Auch da ist die Frage: Wie gestaltet sich Pastoral heute? Für mich ist da immer die jesuanische Frage ganz entscheidend, die heißt: Was willst du, dass ich dir tue? Und das ist eigentlich schon die Frage, die Beziehung herstellt. Es ist nicht: „Ich weiß schon, was du haben willst“ oder „Sag mal, was du haben willst“. Nein, das ist nicht die Frage, sondern: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Das heißt noch lange nicht, dass ich das auch bekomme. Ich glaube, wenn das die Grundhaltung ist in der Pastoral, dann erübrigen sich viele Sachen auch.

Was wird das Erste sein, was Sie nach der Sommerpause in Angriff nehmen?

Das Erste wird sein, dass ich mich mit meiner Sekretärin und den anderen Kollegen und Kolleginnen, die da sind, hinsetze und dass wir miteinander reden. Beziehung ist auch hier das Thema. Wir haben alle in den drei Wochen Unterschiedliches erlebt, natürlich auch in Bezug auf die Arbeit. Davon gilt es zu erzählen. Und dann kommen die Mails und die Postmappen. Aber erstmal da sein und hören, was ist.

ZUR PERSON: Rheinländerin, die Polen mag

Uta Raabe wurde 1964 geboren und kommt aus dem Rheinland, genauer gesagt aus St. Augustin. Sie studierte Theologie in Bonn und München. 1993 kam die Diplom-Theologin als Leiterin des Katholischen Bildungswerkes nach Berlin, studierte Weiterbildungsmanagement und übernahm 1999 die Ausbildungsleitung für die Gemeinde- und Pastoralreferenten. 2002 begann sie eine zehnjährige Elternzeit und lebte in dieser Zeit fast sieben Jahre in Warschau. Geblieben ist ihr eine tiefe Verbundenheit mit dem Nachbarland Polen, als sie 2012 das Referat Fortbildung und Entwicklung im Erzbischöflichen Ordinariat übernahm. Seit November 2013 leitet sie das Dezernat Seelsorge. Uta Raabe ist verheiratet und hat einen Sohn.