Dem Schutz entrissen

Das St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee erinnert an Patienten, die in der NS-Zeit ermordet wurden. Die Alexianer-Brüder hatten sich erfolglos bemüht, die psychisch kranken Menschen zu schützen.

Es soll auch mal einer entkommen sein. Er verbarg sich in den Feldern, die zum landwirtschaftlichen Betrieb des St. Joseph-Krankenhauses in Berlin- Weißensee gehörten. Vermutlich hat ihn einer der Alexianer- Brüder, von denen die Einrichtung für psychisch Kranke gegründet wurde, zuvor gewarnt. Genaues darüber weiß man nicht, auch nicht über die 280 Patienten, die dem Vernichtungswillen der Nationalsozialisten nicht entfliehen konnten.

Unter dem Vorwand der Verlegung abgeholt

An sie möchte das Krankenhaus nun mit einem Gedenkstein erinnern. Sie wurden Opfer der sogenannten „T4-Aktion“ – benannt nach der Dienststelle zur Durchführung des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten in der Tiergartenstraße 4 – , in der Menschen mit schweren seelischen und körperlichen Gebrechen zwangssterilisiert und ermordet wurden. Zu diesem Zweck wurden sie aus Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen unter dem Vorwand einer Verlegung in andere Einrichtungen abgeholt.

Am 20. Januar 1940 wurde eine solche „Verlegung einer größeren Anzahl der Insassen aller Heil- und Pflegeanstalten“ öffentlich angekündigt. Auf dieser Basis verlangte das Hauptgesundheitsamt die Verlegung von zwei Dritteln der 420 Kranken des St. Joseph-Krankenhauses, die unter das 1933 erlassene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ fielen. Alexianerbruder Ignatius Franz benachrichtigte darauf seinen Mitbruder Paulus in Neuss – von dort waren die Alexianer gegen Ende des 19. Jahrhunderts gekommen, um das St. Joseph-Krankenhaus aufzubauen –, der umgehend nach Berlin kam. Ihm gelang es, sich in die Verhandlungen mit den Nationalsozialisten einzumischen. Er protestierte gegen die von den Behörden betriebene Vernichtung psychisch kranker Menschen und verlangte die sofortige Aufhebung der Anordnung. Erfolglos. 280 Patienten wurden in Busse verladen und deportiert. 280 seelisch kranke Männer.

Der Stein zur Erinnerung an ihr Geschick war Teil einer kleinen Friedhofsanlage am Rande des Krankenhausgeländes. Dort wurden die Alexianerbrüder, die Elisabethinen und Mägde Mariens, Ordensschwestern, die im Krankenhaus tätig waren, bestattet. Für sie reichten die übrigen Steine und so trug dieser bislang keine Inschrift.

Die Idee, ihn für das Gedenken zu nutzen, hatte das Seelsorgeteam des Krankenhauses. Es hat auch seine Gestaltung konzipiert. Ein Spruch des Propheten Ezechiel bietet den Rahmen. Der Prophet spricht ihn im Angesicht eines gewaltigen Leichenfeldes, übersät von den Knochen unzähliger Toter. Ein Bild, findet Seelsorgerin Barbara Tieves, das die Grauen der NS-Herrschaft symbolisieren kann. Zwischen die Frage Gottes an den Propheten: „Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden?“ und seine stille Antwort: „Gott und Herr, du weißt es“ sind auf dem Stein die Worte „Für alle, die hier Schutz und Hilfe gefunden hatten und 1940/1942 vom NS-Regime deportiert und ermordet wurden“ eingefügt. Den Gedanken hinter dieser Gestaltung beschreibt Frau Tieves so: „Wir wollten durch die Unterbrechung des Zitats die Spannung, die aus dem schrecklichen Geschehen resultiert, aufrechterhalten. Sie sollte nicht einfach aufgelöst werden durch einen Hoffnungsspruch. Aber wir wollten mit dem Zwischentext auch deutlich machen, dass man sich hier, wenn auch vergeblich, für die Deportierten eingesetzt hat.“

Weiter forschen nach Namen der Deportierten

Zu denen gehörten auch eine kleine Zahl jüdischer Patienten. Deshalb war bei der Einweihung des Steins im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes am 17. Juli auch Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, zugegen. Sie fand am 125. Jahrestag der Grundsteinlegung des Krankenhauses statt. Mit ihr kommen die jahrelangen Bemühungen der Beschäftigten des Krankenhauses, an die Patienten zu erinnern, die der NS-Herrschaft zum Opfer fielen, zu einem Abschluss.

Nicht aber die Beschäftigung mit dem Thema, wie Barbara Tieves betont. Es soll weiter geforscht werden: nach den Namen und dem Geschick der Deportierten. Vielleicht bekommen dabei auch die Wenigen Namen und Gesicht, die sich in den Feldern der Heilanstalt vor den Mördern verstecken konnten.