Am 29. September jährt sich der Tod von Brigitte Irrgang zum 70. Mal. Die Elfjährige starb an den Folgen einer versuchten Vergewaltigung. Bernd-Ulrich Gienke, Vorsitzender des Freundeskreises Brigitte Irrgang, hält den Lebens- und Glaubensweg des Mädchens auch heute für bemerkenswert.
Zwei Wochen vor ihrer Firmung verließ Brigitte Irrgang das Haus, um für ihre Mutter einige Einkäufe zu erledigen. Auf dem Rückweg wurde sie von einem Sexualtäter überfallen, der sie in ein Gebüsch zog. Die Elfjährige wehrte sich nach Leibeskräften, doch der Angreifer war stärker und erwürgte sie. Zur Vergewaltigung kam es nicht.
Noch 70 Jahre später erinnern Menschen im vorpommerschen Loitz und Umgebung an Brigitte Irrgang. Auf seiner Homepage sammelt der Verein „Freundeskreis Brigitte Irrgang“ Zeitdokumente wie Fotos und Zitate ihrer Begleiter. Ihre Lehrerin zeichnete das Bild eines klugen und lebhaften Mädchens, das auf der Seite der Hilfsbedürftigen stand, offen und einfühlsam – so sehr, dass selbst die „Rüpel“ weich wurden. Ärztin wollte sie werden.
Bernd-Ulrich Gienke, evangelischer Loitzer Pastor im Ruhestand, ist Vorsitzender des Freundeskreises. Was er von Zeitgenossen über das Mädchen erfuhr, ließ ihn aufhorchen. „Wir sind hier eigentlich eine sehr evangelische Gegend. Aber Brigitte soll eine besondere Ausstrahlung gehabt haben“, sagt Gienke. „Sie war sehr fromm und hatte auch als junge Katholikin engen Kontakt zur evangelischen Katechetin und Kirchengemeinde.“ Als Firmpatronin wählte sie die vier Jahre zuvor heilig gesprochene Maria Goretti, deren Schicksal auf tragische Weise ihrem eigenen ähnelt.
Pastor Gienke interessiert das Schicksal des Mädchens, dessen karpatendeutsche Familie 1944 nach dem Zusammenbruch der Ostfront flüchten musste, in vielerlei Hinsicht. „Für mich ist das auch heute eine wichtige Frage: Wie gelingt es, dass Menschen sich neu beheimaten? Bei den Irrgangs schien das gut gelungen zu sein“, sagt Genke und verweist auf Brigittes Vater Wilhelm, der Direktor der Diesterweg-Grundschule wurde. Vor dieser steht heute eine Gedenkkugel für Brigitte Irrgang, der Komponist Nikolaus Schapfl widmete ihr ein Oratorium, im neuen Jugendhaus „WunderBAR“ soll bald ein Bild mit ihr hängen. Dass in das Gebäude der Schule, in der sie einst lernschwächeren Mitschülern half, bald eine Förderschule einziehen wird, findet Gienke passend.
Reinheitsmärtyrerin
1999 wurde Brigitte Irrgang ins „Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen: als Reinheitsmärtyrerin, die zur Verteidigung ihrer Jungfräulichkeit ihr Leben gelassen habe. Ein Gedanke, der manchen inzwischen befremdlich anmutet – als Kern des Sexualverbrechens gilt heute die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung des Opfers. Der Freundeskreis Brigitte Irrgang scheint sich dessen bewusst zu sein: Brigitte Irrgang stehe auch „für die vielen auf ähnliche Weise ermordeten Kinder und Jugendlichen“. Bernd-Ulrich Gienke überlegt kurz: „Vielleicht könnte man daraus auch lernen, dass wir unseren Körper, den Gott uns geschenkt hat, schützen müssen vor fremder Gewalt, aber auch anderen Formen von Fremdbestimmung.“ Gerade junge Menschen bekämen ständig vorgegaukelt, wie sie angeblich aussehen müssten.
Wie der ganze Freundeskreis will Pastor Gienke die Erinnerung an Brigitte Irrgang lebendig halten. Mit seinen Konfirmanden ist er deshalb immer an ihr Grab gegangen, hat dort von ihr erzählt. „Natürlich ist das Interesse am Anfang nicht so groß wie zum Beispiel an Taylor Swift. Aber wenn die jungen Menschen von Brigittes Leben erfahren, sind sie doch beeindruckt“, sagt er.