Ein Familien-Bilderbuch

„Katholisch in Brandenburg“: Die Reise führt an den äußersten Diaspora-Rand nach Rheinsberg, einen Teil der Gemeinde Fürstenberg. Beispielhaft stellen wir Familien aus dem harten Kern vor, die Glauben leben und weitergeben.

Seinen eigentlichen Anfang nahm das Abenteuer erst, als sie in Löwenberg ausstiegen – so beginnt mit Kurt Tucholskys „Rheinsberg – ein Bilderbuch für Verliebte“ eine der wohl berühmtesten Liebesgeschichten. Es ist die Bilderbuch- Reise von Claire und Wölfchen, nach der „später generationsweise vom Blatt geliebt wurde“, wie es ihr Autor nicht ohne leichte Ironie feststellte. Bis heute ist das romantische Rheinsberg ein Sehnsuchtsort für Verliebte, für Muße und Muse, für junge Künstler und die Kammeroper. Und auch anno 2018, über 100 Jahre nach der legendären Romanze, muss der geneigte Reisende in Löwenberg umsteigen. Das Abenteuer Rheinsberg beginnt an diesem Sonntag mit der Suche nach der katholischen Kirche und führt zu einer schlichten, hellen Baracke im typischen DDR-Baustil. Doch erst ein großes Holzkreuz gibt letzte Gewissheit: Hier ist es! Wenig später sitze ich unter schattigen, alten Linden am großen Familientisch der Familien Goy und Brauns, erfahre spannende Familiengeschichten, und jede von ihnen verkörpert ein Stück Gemeindegeschichte.

Niemals aufgeben beim Barackenbau

Die Brüder Friedrich und Reiner Goy haben ihre Wurzeln in Oberschlesien, nach dem Krieg findet die Familie in Rheinsberg ein neues Zuhause. Friedrich Goy erinnert sich noch an die ersten Gottesdienste in einer Turnhalle. Einen eigenen Gottesdienstraum gab es nicht, dafür aber aus dem Nachlass einer Rheinsberger Katholikin ein weitläufiges, über Jahrzehnte brachliegendes Kirchengelände. Ein winziger Geräteschuppen diente als Raum für den Religionsunterricht. Durch Babyboom und Zuzug von Arbeitskräften für das 1965 in Betrieb genommene Atomkraftwerk reifte der Traum von einem eigenen Gemeinde- und Gotteshaus. Doch selbst für den als landwirtschaftlichen Lager- und Geräteraum „getarnten“ Barackenbau wartete die Gemeinde über zehn Jahre auf die Baugenehmigung. „Niemals aufgeben“, nach dieser Devise erfolgten dann auch die eigentlichen Bauarbeiten. Neben den Familien Jablonka, Grosser, Brauns und Hoffmann waren es hier auch die Familien Reiner und Friedrich Goy, die mit ihrer Hände Arbeit den Grundstein für das neue Gemeindehaus und neues Gemeindeleben legten. 1977 wurde das Wichmannhaus durch Weihbischof Kleineidam feierlich geweiht – die bescheidene Baracke ist über 450 Jahre nach der Reformation das erste katholische Gotteshaus in Rheinsberg! Steffi Brauns ist als echte Rheinsbergerin und langjährige Katechetin sowie Gottesdienstbeauftragte ein engagiertes Gemeindemitglied und außerdem Begründerin eines besonderen Projektes im fernen Süd-Indien. Auf Initiative und aus Spendengeldern der Rheinsberger Katholiken wurde dort 1999 ein Waisenhaus gebaut. „Theresia Karunalaja“ (Heim der Barmherzigkeit) heißt das in Trägerschaft des Kapuzinerordens befindliche Heim, das nach der Begründerin der Spendenaktion, Theresia Hoffmann, benannt wurde. Sie ist die Schwägerin von Steffi Brauns. Beide Frauen setzen bis heute mit großer Unterstützung ihrer Ehemänner dieses Werk der Barmherzigkeit fort. Jährlich bringt die Pfarrgemeinde rund 3000 Euro für das Indien-Projekt auf. Der indische Kapuziner-Pater Harry, der gerade als Urlaubsvertretung zu Gast ist, kann für dieses Engagement der Rheinsberger nicht genug anerkennende Worte finden. Brigitte Piasetzki-Goy ist eine Ausnahmeerscheinung. Die Tochter von Friedrich Goy ist die einzige ihrer Generation, die der Heimat treu blieb. Die Kinder von einst leben arbeitsbedingt deutschland- und weltweit verstreut. Die Gläubigenzahl von damals etwa 200 schrumpfte auf gerade einmal rund 70, der Altersdurchschnitt liegt bei geschätzten 70 Jahren. Umso wichtiger sei, in der Pfarrei eine Stimme und Mitsprache zu haben, begründet Brigitte Piasetzki-Goy ihre Mitarbeit im Kirchenvorstand. Ehemann Robert Piasetzki stammt aus einer freikirchlichen Familie, wuchs in die katholische Gemeinde hinein, ließ sich 2013 katholisch taufen und wirkt heute im PGR und als Lektor. Tochter Jette ist das einzige Kind in der Gemeinde und einzige Ministrantin, versieht Samstag für Samstag ihren Dienst am Altar. Und wenn sie mal verhindert ist? Dann übernehmen Onkel Reiner oder Steffi Brauns. In der immer kleiner werdenden Gemeinde ist die große Kraft des einzelnen und der Familien auf neue Weise gefragt.

Neue Chancen im neuen Raum

Erst vor zwei Jahren folgte Inge Goy dem Beispiel ihres Neffen Robert, wurde katholisch. Eine Herzensentscheidung, sagt sie, gereift in Ehe und Familie, in der Gemeinde, durch das Vorbild von Seelsorgern. Jahrzehnte war die Protestantin bis hin zur Landessynode in der evangelischen Kirche engagiert, ökumenisch verheiratet. Die drei Kinder wurden katholisch getauft, Ministranten, Oberministranten. Einer von ihnen folgte einer besonderen Berufung: Sohn Matthias Goy ist heute Domvikar an der St. Hedwigs- Kathedrale und als Regens und Ordinariatsrat Abteilungsleiter im Personaldezernat des Ordinariats. „Aus dem Stand heraus“ wird Inge Goy Kirchenvorstandsmitglied, arbeitet mit Robert Piasetzki im Pastoralausschuss des Pastoralen Raums Neuruppin. Natürlich gebe es auch Ängste, dass Gemeinden aufgelöst werden, „aber das ist jetzt unsere Chance“, ist sich die Runde einig. Durch die Übernahme pastoraler Aufgaben und Verantwortung könnte Rheinsberg als kleinste, aber zentralste Gemeinde zu einer neuen Mitte in der neuen Großgemeinde werden. Ein guter, harter Kern ist ja schon da, und das diesjährige Johannisfest mit über 70 Gästen auch aus Neuruppin, Fürstenberg und Gransee, mit Andacht, Bläsern, Singen und Schmaus am Johannisfeuer war eine erste Feuerprobe. Bilderbuch Rheinsberg – tausendmal kopiert und doch in vielem einmalig. Davon ist auch Pater Harry überzeugt. „Diese Gemeinschaft, das ist die eigentliche Schönheit hier“.