Eine der Kapellen in der Krypta der Berliner Sankt Hedwigs-Kathedrale wird von der Wandinstallation „crossfit“ dominiert. Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler hat sie geschaffen und möchte mit ihr zum Austausch anregen.
„Ich habe über diese Installation bereits mit mehr Menschen gesprochen als Christus-Corpora an der Wand hängen. Und selten einmal haben zwei Betrachter dasselbe dazu gesagt“, so die Erfahrung von Roland Metzler, der Besuchergruppen durch die Sankt Hedwigs- Kathedrale führt. Für das Wandbild „crossfit“ wurden rund 300 Einzelkörper des gekreuzigten Christus aneinander gelötet oder geklebt und bilden so ein filigranes Geflecht. Die 21 Zentimeter großen Figuren bestehen aus galvanisiertem Kunststoff, haben einen kupfer- oder goldfarbenen Schimmer. Und kein Corpus gleicht dem anderen, nachdem der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler, der auch Künstler ist, sie bearbeitet hat. Manche sind angekokelt, anderen fehlt ein Arm, sie sind unterschiedlich patiniert und verschrammt, „verletzt“. Etwa die Hälfte der Figuren sind seitenverkehrt in der Kapelle in der Krypta angebracht; der dunkle rückwärtige Hohlraum zeigt nach vorn zum Betrachter.
Materiell gesehen, wird in dieser Installation gezeigt, „was übrig bleibt“, erläutert Roland Metzler. Die Christus-Corpora sind Teile von Sargkreuzen. Vor einer Kremierung werden alle umweltschädlichen Beschläge wie diese Figuren aus Kunststoff vom Kremationssarg entfernt und als Abfall „entsorgt“.
Angesprochen auf sein Werk „crossfit“ erklärte Hermann Glettler, dass er die Erinnerung an konkrete Verstorbene wachhalten und zugleich daran erinnern wolle, dass nach christlicher Überzeugung nicht der Tod das Ende sei: „Ich glaube nicht, dass wir als Tote in ein Nichts verschwinden, sondern dass wir uns in die Gegenwart Gottes fallen lassen dürfen und merken, dass es noch viele andere gibt, die in diesem Netz, dieser Liebe Gottes getragen sind.“ Sein Kunstwerk soll fragende, suchende, zweifelnde und verzweifelnde Menschen ermutigen. Den Freiraum der Kunst wolle er nutzen, um mit kirchenfernen Menschen neu ins Gespräch zu kommen – über Gott und die Welt, über die Fragen nach dem Woher und Wohin.
„Crossfit“ sei ein „offenes Kunstwerk“. Deshalb ist Roland Metzler überzeugt, dass der Dialog zwischen kirchlicher Tradition und moderner Kunst gelingen könne. Weil die Installation in einer katholischen Kirche hängt und nicht in einem Museum, müsse die Frage erlaubt sein: „Was könnte uns diese Bild zum Thema Spiritualität sagen? Hier scheint das Kreuzesopfer fast unendlich vervielfacht.“ Es erinnere daran, dass der Glaube der Kirche „zum Tod hin und vom Tod weg lebt“. Für ihn sei es in seiner konsequenten Modernität deshalb auch ein klassisches Andachtsbild.
Der Titel „crossfit“ wirft Fragen auf. „CrossFit“ ist ein Kraft- und Koordinierungstraining, eines der härtesten Fitnessprogramme. Dabei sollen Eigenschaften wie Stärke, Ausdauer, Leistung oder Schnelligkeit entwickelt werden. Manche Führungsteilnehmer würden daher den Titel als Aufforderung zur Anstrengung interpretieren. „Natürlich geht es Hermann Glettler um spirituelle Fitness“, erläutert Johannes Rauchenberger, Leiter des Grazer Kulturzentrums. „Sie ist wünschenswert. Sie braucht Anfängerkurse wie jedes Fitnessstudio, möglichst niederschwellig. Wo wir uns dann weiterhanteln, in die Abgründe der Einsamkeit dieser Welt, aber auch in den Trost – wer weiß.“ Bischof Glettler nannte „crossfit“ ein „Netzwerk solidarischer Nähe“, einen „Tanz der Erlösten, die alle Schwere losgeworden sind“.
Dieses „ins Gespräch kommen“ gelingt, bestätigt Roland Metzler aus seiner Erfahrung als Kirchenführer. „Verblüffend ist, dass die meisten Betrachter sofort anfangen, über Kreuze zu sprechen, obwohl kein einziges Kreuz abgebildet ist. Es ist nicht das Kreuz – es ist der Gekreuzigte.“ Andere assoziierten das Kunstwerk als Geflecht aus Efeu oder Rosen, eine Hecke. Worte wie Vernichtungswut, Leiden, Schmerz, Tanz oder Netzwerk fallen.
Der Griff zum Smartphone während einer Führung ist für Metzler ein „Aufmerksamkeits-Indikator“. Selten habe er erlebt, dass jemand in der Gruppe zum Beispiel vor der Marienstatue aus dem 15. Jahrhundert in Sankt Hedwig zum Handy gegriffen hätte, um ein Foto zu machen. „Solche historischen Kunstwerke sind möglicherweise ‚auserzählt‘. Man hat keine Fragen mehr an sie. Ganz anders vor „crossfit“: „Da zücken alle das Smartphone, sie haben tausend Fragen, äußern ihre persönlichen Eindrücke und ihre Deutungen.“ Der Wunsch von Bischof Glettler, den Freiraum der Kunst zu nutzen, um neu ins Gespräch zu kommen über das Woher und Wohin scheint sich mit dem Wandbild „crossfit“ zu erfüllen.