Seit 20 Jahren gibt es in Berlin die ökumenische Flughafenseelsorge. Ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen hilft Reisenden, die sich mit ihrem Flug nicht zurechtfinden, und steht bei Schicksalsschlägen und Lebenskrisen bereit.
Mit geübten Handgriffen packt Elgin Neumann hinter dem Schalter ihre Sachen, weil ihr Dienst endet. Ihr Blick geht in die große Halle vor ihr: Vielleicht wird sie ja doch noch mal von jemandem gebraucht? Dann wäre es keine Frage, dass die Mittsiebzigerin bleibt und hilft. Heute Morgen hatte sie schon „gute Gespräche über Gott und die Welt“, erzählt sie. Meist fingen sie mit einem kleinen Problem an und dann redet sich das Gegenüber Schwerwiegenderes von der Seele.
Ihren ehrenamtlichen Dienst in der Flughafenseelsorge am Flughafen BER versieht sie in der Regel morgens von sieben bis zehn Uhr. Sie hatte 2016 gelesen, dass die beiden hauptamtlichen Seelsorger Unterstützung bräuchten und es einen Kurs für Ehrenamtler gäbe. „Ich war im Ruhestand und wollte etwas Neues beginnen“, erinnert sich Elgin Neumann. Nach dem Kurs und einer Sicherheitsüberprüfung steckte sie sich Namensschild und Flughafenausweis an und zog eine lila Weste über, an der man die Helfer mit christlichem Auftrag erkennt. Bis sie 80 ist, hofft die Lutheranerin, noch dabei sein zu können. „Dann ist Zeit für Neues“, sagt sie lachend.
Flughafenseelsorge ist „aufsuchende Seelsorge“
Gerade feierte die Flughafenseelsorge in Berlin ihr 20-jähriges Jubiläum. Das Projekt, mitgetragen von der katholischen und der evangelischen Kirche, gab es zuvor an den Standorten Tegel und dem alten Flughafen Schönefeld. Im Vorjahr wurde die Flughafenseelsorge mit dem „Ökumenepreis“ Berlin-Brandenburg geehrt. Dass sich christliche Seelsorge an Flughäfen – so quirligen Orten mit einem Wirrwarr von Bus-, Bahn- oder Flugsteigen – etabliert hat, geht auf Katastrophenereignisse früherer Jahrzehnte zurück.
Doch nicht nur, wenn Leib und Leben bedroht sind, kann Seelsorge hilfreich sein. Abschiedsschmerz, gesundheitliche Probleme, Flugangst, Liebeskummer oder anderes Leid tragen die Menschen in sich, wenn sie in der weiträumigen Flughafenhalle ankommen. Dann ist es gut, dass es Hilfe gibt. Wenn der katholische Diakon Norbert Verse, die evangelische Pfarrerin Sabine Röhm und ihre ehrenamtlichen Mitstreiter in den lila Westen mit dem Kreuz und dem Symbol eines startenden Flugzeugs auf dem Rücken durch die Ebenen des Terminals streifen, den Blick dabei immer auf die Reisenden gerichtet, erkennen sie schnell, wer gern angesprochen werden würde. „Aufsuchende Seelsorge“, heißt das.
Manchmal gibt es Anrufe vom Flughafensozialdienst oder vom Management, wenn Reisende am Terminal „stranden“ und Beistand benötigen. Den versuchen die Helfer auf vielfältige Weise zu geben: Anrufe bei Angehörigen, in der Botschaft, beim Arzt oder einfach nur Zuhören und Trost spenden. Die beiden hauptamtlichen Seelsorger und die zwei Dutzend Ehrenamtler fühlen sich inmitten des Flughafenpersonals wie in einer großen Familie. Dass sie gebraucht und geschätzt werden, kriegen sie immer wieder zu hören, zuletzt in den Reden der Flughafen- und Kirchenleitungen zum Jubiläum.
Im „Raum der Stille“ beten nicht nur Christen
Ein Novum am BER ist der Rückzugsraum für Fluggäste und Mitarbeiter: der „Raum der Stille“. Das architektonische Kleinod mit Kapelle finden Mitarbeiter, Reisende und Neugierige gut ausgeschildert auf der zweiten Ebene hinter dem „Starbucks“-Café. Hier spürt man das Ziel von Architekt und Künstler, Geborgenheit zu stiften: Im Gegensatz zum geschäftigen Treiben, zu Helligkeit, Weite, Glas und polierten Böden in der Empfangs- und Abfertigungshalle herrschen hier Stille, gedimmtes Oberlicht, dunkler Stein auf Böden und Wänden.
Die Möglichkeit von Andachten, Segnungen und theoretisch sogar Taufen konnten erst nach der Pandemie genutzt werden. „Taufen hatten wir noch nicht“, sagt Diakon Norbert Verse, der 2022 die Stelle von dem Jesuitenpater Wolfgang Felber übernahm. Aber jeden ersten Montag im Monat gibt es als „Zwischenlandung für die Seele“ eine Andacht, die die Liturgiegruppe vorbereitet.
Wenn Lothar Paedelt mittags Dienst hat, lädt er ein, den „Engel des Herrn“ zu beten. Der Raum der Stille steht allen Reisenden und Mitarbeitern unabhängig von der Konfession offen. Regelmäßig beten muslimische Mitarbeiter hier, es kommen Christen, Buddhisten oder Atheisten. Niemand wird abgewiesen, wenn er um Beistand bittet.
Die Schar der ehrenamtlichen Helfer wird in letzter Zeit altersbedingt kleiner. Deshalb soll es 2024 einen neuen Kurs für interessierte Christen geben. „Anfragen haben wir bereits“, freut sich Norbert Verse.
Auch wenn die Seelsorger nicht 24 Stunden täglich vor Ort sein können, weil der Salvatorianerbruder noch in der Notfallseelsorge und Sabine Röhm in der Seelsorge der Berliner Feuerwehr arbeitet, ist stets ein Nottelefon geschaltet.
Kürzlich rief es Norbert Verse nach drei Uhr aus den Federn: Einen jungen Südamerikaner, der sein verstorbenes Kind betrauerte, traf er weinend mit Freunden im nächtlichen Terminal an. Er sorgte dafür, dass der Mann sich beruhigen, schlafen und später etwas abgeschirmt von der Menschenmenge zu seinem Flieger kommen konnte. „Wenn mein Gesprächspartner zum Schluss etwas abwerfen konnte, was ihn belastete, dann tut es auch mir gut. Dafür bin ich da!“, sagt auch Ehrenamtlerin Elgin Neumann.