Oft ist es erst das Alphabet, das mühsam trainiert werden will. Doch die Flüchtlinge sind hochmotiviert. Unterricht bekommen sie an drei Abenden der Woche von 75 Aktiven – zumeist aus der Gemeinde Heilige Familie in Berlin-Prenzlauer Berg.
„Kommen Sie doch einfach mal ans Ambo.“ Diese Bitte des Pfarrers Michael Höhle war die Initialzündung für eine Erfolgsgeschichte. Gerichtet hat er die Bitte an Ulrike Fleischer aus der Gemeinde Heilige Familie. Am Abend zuvor hatte sie von ihrem Balkon aus beobachtet, wie sich die Turnhalle neben der Kirche auf der Wichertstraße mit den ersten Flüchtlingen füllte. Spontan dachte sie an Sprachkurse zur Integration, fertigte eine Interessenten-Liste für die Besucher der Sonntagsmesse an, sprach vom Ambo über ihre Idee, warb um Unterstützer. Mit Erfolg, denn heute kümmern sich 75 Aktive um die Flüchtlinge. Oft reicht die Begegnungsstätte neben der Kirche nicht aus, weil bis zu 70 Kursteilnehmer zeitgleich in Kleingruppen von vier Personen die Grundlagen der deutschen Sprache lernen.
Wenn die Flüchtlinge die ihnen teils fremden Buchstaben lesen können, kommen die drei großen Materialordner zum Einsatz. Einzelblätter aus dem Tannhauser Modell des Goethe-Instituts und selbst zusammengestellte Unterlagen werden erarbeitet. „Ich heiße ...“ wird dabei durchaus nicht selten mit „My name is ...“ verwechselt. Deutsch? Englisch? Beides sind für die meisten Flüchtlinge fremde Sprachwelten.
Doch was lernen die Flüchtlinge in der Begegnungsstätte von Heilige Familie konkret? Die Stichpunkte lauten: Alphabet, Begrüßen, Zahlen, Uhrzeit, Tageszeiten und Wochentage, Monate und Jahreszeiten, Kleidung und Farben, Familie, Körper und Krankheiten, Lebensmittel und Einkauf, Haushalt und Wohnen, Verkehr und Orientierung, Woher kommst du?, Berufe … und immer wieder Grammatik.
„Die Hilfsbereitschaft der Gemeinde ist überwältigend“, sagt Ulrike Fleischer, die hauptberuflich beim Bundestag arbeitet. „Leute, die aus unhaltbaren Zuständen geflüchtet sind, brauchen einfach unsere Hilfe. Auch meine Eltern haben als Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg Hilfe erfahren. Vermutlich erinnern sich noch viele an diese Zeit.“
Wenn montags, dienstags und mittwochs um 19.30 Uhr die Flüchtlinge zur Begegnungsstätte hinübergehen, sind von den „Sprachlehrern“ die Wenigsten ausgebildete Pädagogen. Was mehr zählt, ist der freundliche Umgang, die geschenkte Zeit, die die oft nur kurzfristigen Bewohner der Notunterkunft gern angenehmen. Wer kommt heute Abend? Woran kann ich andocken? Bei einer Fluktuation von einem Viertel der Teilnehmer je Woche ist jede Unterrichtseinheit eine neue Herausforderung. „Für beide Seiten ist es eine positive Erfahrung“, fasst Fleischer die Erfahrungen von Monaten zusammen. „Was uns die Flüchtlinge zurückgeben, ist ein Geschenk. Hier passiert etwas richtig Urchristliches.“
Einen ökumenischen Akzent setzt Pfarrgemeinderatsmitglied Katharina Jany. Weil auch nicht zur Gemeinde gehörende Sprachlehrer im Boot sind, erweise sich, „wie wichtig eine ökumenische Vernetzung ist“. Sie hofft nicht nur auf persönliche Beziehungen zu den Flüchtlingen, sondern sieht eine große Herausforderung und Chance darin, sich gemeindeübergreifend und untereinander besser kennenzulernen.
Wie kann man helfen? Am effektivsten ist ein Blick auf die Internetseite www.pankow-hilft.de. Hier gibt es konkrete Bedarfslisten für alle Notunterkünfte – egal, ob Kleidung, Bettwäsche oder Nahrung.
Wer seine Hilfe für den Sprachunterricht oder zur Kinderbetreuung anbieten möchte, kann sich wenden an: <link>Sprachunterricht@nuk-wichertstrasse.de.