„Im Sommer können Sie jeden Mittwoch zwischen 16 und 18 Uhr die Friedhofskapelle auf dem St. Hedwig- / St. Pius-Friedhof besichtigen, und diese Kirche wird Sie überraschen.“ Katalin Nagy ist zertifizierte Kirchenführerin. Sie hat die Kerzen angezündet, empfängt die Besucher am Portal. Die Führungen sind ein Angebot der Katholischen Akademie in Berlin und der Pfarrei Heilige Theresa von Avila Berlin-Nordost, in deren Pfarreibereich der Friedhof in Alt-Hohenschönhausen liegt.
Die Resonanz auf das Angebot könnte größer sein, doch für die Kirchenführerin sind die Begegnungen mit den Besuchern entscheidend: „Gerade wenn Trauernde zu einer Führung kommen, ergibt sich oft ein persönliches Gespräch. Es vollzieht sich ein Wechsel von der künstlerischen Ebene in die seelsorgliche Ebene. Das ist unerwartet und ja, ein Geschenk.“ Sie erzählt von einem Mann, der einige Zeit nach der Trauerfeier für seine Frau die Kapelle aufsucht und sie völlig neu erlebt, weil er das in der Kunst und der Harmonie des Raumes Verborgene an Tröstlichem und Hoffnungsvollem blind vor Tränen gar nicht sehen konnte. Und manchmal sei auch die Friedhofskultur ein Thema: „Eine Frau aus Afghanistan war zum Beispiel völlig überrascht, dass eine Beerdigung in Deutschland Geld kostet.“
Unter Johannes Klafke, dem langjährigen Pfarrer der Hohenschönhausener Gemeinde, erhielt der historische Bau im historisierenden Stil der märkischen Backsteingotik 1967 eine moderne Innenausstattung nach Entwürfen von Friedrich Press (1904-1990), dem letzten „Expressionisten“ unter den deutschen Kirchenkünstlern. Der Schwerpunkt seines Schaffens lag in der DDR.
Zwei Hauptwerke von Press gibt es in dieser Kirche. Zum einen den bronzenen Tabernakel mit den vier Tiersymbolen, die in der Bibel bei Ezechiel (Ez 10,14) ebenso wie in der Offenbarung des Johannes (Offb 4,6-8) zu finden sind. Am häufigsten werden sie als Symbole der vier Evangelisten gedeutet. Bei der Erklärung des Tabernakels komme es immer mal zur Frage, was denn in dem „Kasten“ sei oder warum davor ein Licht brenne. Momente, die durchlässig seien für das Sakrale, „in denen bei einer Führung auch Grundlagen von Glauben und Liturgie vermittelt werden können“.
Und dann das Kreuz. In der expressionistischen Art des Künstlers deutet es einen Christus an, der den Betrachter hinaufhebt in das himmlische Reich. Ein Korpus zwischen Mensch und Engel, zwischen dem leidenden und dem auferstandenen Jesus Christus. Der Korpus ist aus Lindenholz, die Wunde oder das geöffnete Herz aus Gold. Von Besuchern werde es meist als eine Figur in Aufwärtsbewegung, die einen „hochzieht“, „mitnimmt“, beschrieben. Eine junge Frau, die ihren Vater beerdigen musste, hatte das Kreuz zunächst als minimalistisch, herausfordernd und kalt bezeichnet, erzählt die Kirchenführerin. „Als ich den Korpus gedeutet hatte, die Flügelarme, die einladen, sich darin zu bergen und nach oben ziehen zu lassen, meinte sie, ‚ja, jetzt sehe ich das auch, mein Papa ist in die Arme genommen, das Kreuz ist nicht kalt‘.“ Der Künstler hat dem Kreuz den Titel „Christus holt uns raus“ gegeben.