Hilfe gegen die UnsicherheitWanderakademie „Neue Nachbarn in der Diaspora“ beantwortet Fragen zum Islam

Andy Abbas Schulz erklärt das islamische Glaubensbekenntnis. Foto: Cornelia Klaebe

Falkensee. Bisher gab es nur vereinzelt Muslime in Falkensee. Durch die Notunterkünfte kommen Flüchtlinge vor allem aus Syrien und Afghanistan in die Stadt. Gut 40 Gemeindemitglieder informierten sich in der Wanderakademie nun über die Religion vieler der neuen Mitbewohner.

Was ist der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten? Führt schlechte Integration von Flüchtlingen zu deren Radikalisierung? Und was tun, wenn einzelne Security- Leute in Flüchtlingsheimen als einzige Sprachmittler die Ablehnung verstärken statt die Integration zu fördern? Diese und weitere Fragen beantworteten die Referenten der Wanderakademie „Neue Nachbarn in der Diaspora“, die das Internationale Pastorale Zentrum (IPZ) mit Unterstützung der Katholischen Akademie und des Bonifatiuswerks ausrichtet, in Falkensee.

In Falkensee vor allem Syrer und Afghanen

Die 42 000-Einwohner-Stadt nahe Berlin-Spandau hatte bisher nur vereinzelt Muslime unter ihren Einwohnern, berichten Mitglieder der Kirchengemeinde St. Konrad von Parzham. Doch durch die Notunterkünfte seien vor allem Syrer und Afghanen in großer Zahl in den Ort gekommen. „500 Personen engagieren sich in der Willkommensinitiative der Stadt“, erzählt Silvia Paar, die im Pfarrgemeinderat für Flüchtlinge zuständig ist. „Es gibt viel Unsicherheit über den Umgang mit Muslimen“, sagt sie. Deshalb suchte sie beim Erzbistum Hilfe und lud die Wanderakademie nach Falkensee ein.

Mit drei Referenten war Klaudia Höfig vom IPZ gekommen. Bevor es losging, erklärte Theologin Katrin Visse zuerst einmal einen Konsens der verschiedenen Fachrichtungen: „Wir sind überzeugt: Man muss nicht allzu viel über den Glauben des anderen wissen, um ihm richtig begegnen zu können.“

Dennoch stand Wissensvermittlung am Anfang: Aus historischer Sicht, beginnend mit „Napoleon in Ägypten“, erklärte Islamwissenschaftler Dr. Thomas Würtz das Spannungsverhältnis zwischen Christen und Muslimen. Andy Abbas Schulz, in Neukölln aufgewachsen, verdeutlichte die Grundzüge seines muslimischen Glaubens. Und Katrin Visse erläuterte, basierend auf den Konzilsdokumenten Lumen Gentium und Nostra Aetate, die Haltung der katholischen Kirche zum Islam.

Der heimliche Star des Abends war dabei der „Muslim zum Anfassen“ Andy Schulz, dem die Zuhörer an den Lippen hingen. Er gab immer wieder Erfahrungen mit jungen Muslimen wieder, denen er als Gefängnisseelsorger und Anti-Gewalt-Trainer begegnet. Viele von ihnen hätten noch nie von der Bedeutung des Wortes „Islam“ gehört, erklärte er. Es habe den gleichen Wortstamm wie das arabische „Salam“: Frieden. Auch „Muslim“ leite sich davon ab: Die Vorsilbe „Mu“ kennzeichne ein Tun; ein Mu-Slim sei daher einer, der den Frieden tut. Dahingehend sei bei einer großen Anzahl von Muslimen Erklärungsbedarf vorhanden, sagte Schulz. Aufklärung sei dringend geboten.

Anschaulich zeigte Schulz die Bedeutung der Zeichen beim muslimischen Gebet: „Ein Teppich ist nicht notwendig, aber der Untergrund soll sauber sein. Daher ist es praktisch, einen Teppich zu nehmen“, erklärte er. Wenn am Anfang des Gebets die Hände an den Kopf gelegt würden, sei das eigentlich ein ganzheitliches Tun: Die Ohren würden geöffnet, der Beter sei ganz da. Die Verneigung und das Niederfallen sind Gesten des Respekts und des Kleinmachens vor Gott, ähnlich wie auch im Christentum. „Aber für viele sind dieses Zeichen sinnentleert, sie verstehen sie nicht.“

Referenten vermitteln Kontaktadressen

Im Anschluss hatten die Zuhörer Gelegenheit, den Referenten Fragen zu stellen. Deren Interdisziplinarität zahlte sich aus: Thomas Würtz führte die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten auf Streitigkeiten über die Nachfolge des Propheten Mohammed zurück. Andy Schulz empfahl, auch in Flüchtlingsheimen Projekte zur Deradikalisierung zu organisieren. Die Funktion des „Sprach- und Kulturdolmetschers“ dürfe man nicht der Security im Flüchtlingsheim überlassen, da die Angestellten hierfür oft nicht qualifiziert seien. Moderatorin Klaudia Höfig versprach Interessierten, bei Bedarf Kontaktadressen zu vermitteln.