„Ich kenne das Gefühl, vor dem Abgrund zu stehen“

Marius Gersbeck

Foto: Michael Kinnen

In kaum einem Sport kann die Stimmung so schnell kippen wie beim Fußball: Gestern noch gefeierter Held, heute schon ausgepfiffener Buhmann. Marius Gersbeck, Torwart beim Zweitligisten Hertha BSC, hat das erlebt – nicht nur in sportlicher, auch in menschlicher Hinsicht. Im Interview spricht er über Fehler, Medien und seinen Glauben.

Herr Gersbeck, Sie hatten 2013 als damals 18-Jähriger ein gefeiertes Bundesliga-Debüt für Hertha BSC beim 2:1 gegen Dortmund. Wie fühlt es sich an, so im Mittelpunkt zu stehen als ganz junger Fußballer?

Auch wenn ich nicht der Typ dafür bin, der im Mittelpunkt stehen muss, ist es natürlich etwas, worauf man als Sportler immer hinarbeitet: Dass man nämlich in besonderen Momenten eine besondere Leistung zeigt. Und es ist natürlich schön, wenn sich dann viele daran erinnern und einem in dem Moment auch zujubeln.

Sie hatten mehrere solche Momente, sind auch U-19-Europameister geworden. Was macht das mit einem?

Ich habe das Privileg, Fußballprofi sein zu dürfen. Das ist schon alleine etwas Besonderes. Dass ich dann auch ein paar Titel gewonnen habe oder viele Zweitligaspiele machen durfte, ist sehr, sehr schön und das ist das, wofür man lebt und wofür man auch jeden Tag dankbar ist. Das sind die schönen Seiten, die man erleben darf.

Aber es gibt ja auch die anderen Seiten, die haben Sie ja auch erlebt.

Es kann im Fußball immer sehr schnell gehen. Es gibt natürlich auf das Sportliche bezogen immer auch schlechte Tage mit schlechten Leistungen. Es gibt schlechte Phasen mit Verletzungen, das gehört dazu. Und neben dem Sport hatte ich natürlich auch diesen Vorfall in Österreich.

Die Sache mit der Schlägerei 2023...

Da habe ich den größten Fehler meines Lebens begangen. Das habe ich ja auch schon mal öffentlich gesagt. Ich habe mich im Trainingslager abends aus dem Hotel geschlichen und bin rausgegangen zu einem Seefest. Am Ende dieses Festes bin ich in eine körperliche Auseinandersetzung geraten. Und danach ging es natürlich sehr schnell, dass ich öffentlich verteufelt wurde. Es wurde auch sehr viel in Medien dazu geschrieben, was die Stimmung beeinflusst hat. Ich bin sehr froh, dass dann trotz alledem die Familie und der Verein hinter mir standen und mir geglaubt haben. Ich kenne das Gefühl, dass es natürlich ganz schnell gehen kann und dass man kurz vor dem Abgrund steht und denkt, man verliert alles.

Sie wurden zunächst suspendiert, haben sich bei dem Geschädigten und auch bei Fans entschuldigt. Das Verfahren wegen schwerer Körperverletzung wurde gegen eine Geldzahlung eingestellt, und Sie sind nicht verurteilt worden. Juristisch ist es also erledigt. Aber wie sind Sie damit umgegangen, als die Stimmung gekippt ist?

Mir war am wichtigsten, dass es dem Geschädigten gut geht und dass er meine Entschuldigung annimmt. Für ihn war das auch völlig in Ordnung, er hätte es am liebsten auch sofort vergessen. Er hatte gar keine Lust auf diesen Medienrummel. Das hat mich natürlich erleichtert und das Drumherum für den Moment zumindest etwas vergessen lassen. Aber ich habe jeden Tag gezittert, jeden Tag Neues gelesen. Das war wirklich eine sehr schlimme Zeit und da rede ich nur von mir. Denn schlimmer ist es noch für die, die eigentlich unbeteiligt sind: Sei es meine Frau, die Eltern, die Freunde. Die lesen das Gleiche und wundern sich, was man denn für ein Monster sein soll – und wissen, dass es nicht so ist. Deshalb: Alle haben sehr gelitten. Das war wirklich die schlimmste Zeit, die ich bis jetzt in meinem Leben hatte.

Zunächst ein gefeierter Held, der im Tor steht, dann der Buhmann, dem der Hass entgegenschlägt. Ohne es direkt vergleichen zu können, das erinnert an den Stimmungsumschwung zwischen Palmsonntag und Karfreitag.

Da kann meine Geschichte nur ein Beispiel sein. Es geht mir nicht darum, nochmal irgendwo rumzuhacken. Ich möchte es nur als Beispiel geben und ich glaube, dafür ist es bei allen Unterschieden auch sehr sinnbildlich, wie schnell Stimmungen kippen können bei denselben Leuten, die einem heute noch zujubeln. Klar ist aber auch: Ich habe einen Fehler gemacht, habe dafür gerade gestanden – und trotzdem kann man auch wissen, wie es mir dabei ging.

Sie waren vor Ihrer aktiven Fußballerkarriere auch selbst als Fan oft in der Ostkurve bei Hertha. Welche Verantwortung haben Fans, wenn es darum geht, den Daumen über jemandem zu heben oder den Daumen zu senken?

Ich glaube, sie haben eine große Verantwortung. Das ist einem auch oft selbst gar nicht so bewusst, weil man ja erst mal die Emotionen mitnimmt und auch weitergibt. Das heißt, wenn das Spiel schlecht läuft, werde ich sehr schnell anfangen zu meckern. Freuen ist meistens schwieriger. Die Stimmung kann von Spiel zu Spiel kippen. Dessen muss man sich als Aktiver bewusst sein. Und deswegen haben Fans – da zähle ich mich dazu –, aber auch Medien eine große Verantwortung, weil man sehr viel bei dem Gegenüber auslösen kann. Keiner hört oder liest gerne schlechte Sachen über sich. Das zieht einen runter. Und es macht auch keinen Unterschied, ob das irgendwo im Internet geschrieben wird oder im Stadion hinter einem hergerufen wird.

Sie sind evangelischer Christ. Was bedeutet Ihnen persönlich dieser Glaube?

Der Glaube an sich ist, denke ich, sehr wichtig für jeden Einzelnen – das muss aber jeder selbst entscheiden, in welchen Momenten er ihn braucht oder nicht. Ich habe ihn gesucht und gebraucht nach Verletzungen, vor allem in schweren Zeiten. Das ist, glaube ich, meistens so, denn wenn alles gut ist, dann sieht man es meistens nicht. Und wenn es schlecht ist, sucht man irgendwo diese Zuversicht. Die finde ich im Glauben.

Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Ich bete vor jedem Spiel und das ist keine Floskel.“ Was heißt das konkret für Sie? 

Man hofft natürlich, irgendwo noch ein paar positive Momente für das Spiel mitzunehmen, irgendwo Kraft zu schöpfen. Deshalb tut es in manchen Momenten ganz gut. Ich bete aber auch vor dem Fliegen. Da kann ich mich dann immer am bewusstesten daran erinnern, wie es ist, wenn ich ganz konkret den Boden unter den Füßen verliere. Und im Gebet hoffe ich, dass ich gesund und munter wieder ankomme.