Katholisch sein bei den Elchen

Schwester Mirijam Kaschner mit dem Symboltier ihres Einsatzgebietes bei der „Philosophischen Predigt“ in der Berliner St.-Canisius-Kirche. Foto: Andrea von Fournier

Einem Elch ist die Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz noch nie wirklich begegnet. Über die Katholiken in Nordeuropa hatte sie ihren Zuhörern in der Berliner St. Canisius-Kirche aber einiges zu erzählen.

Viele Menschen hatten sich am eiskalten Abend des 7. Januar auf den Weg zum Sonntagabendsgottesdienst in die Berliner St. Canisius- Kirche gemacht. „Zugpferd“ auch für Besucher, die nicht aus der Gemeinde kamen, war die „Philosophische Predigt“ der Generalsekretärin der Nordischen Bischofskonferenz. Schwester Anna Mirijam Kaschner, Missionsschwester vom Kostbaren Blut, berichtete unter der Überschrift „Katholisch sein bei den Elchen“ über den Alltag und ihre Erfahrungen in der katholischen Kirche Skandinaviens.

Obgleich sich die Temperaturen in Berlin denen im Norden annäherten, sind die Unterschiede so fundamental, dass die Zuhörer immer wieder staunten. Sr. Mirijam Kaschner (53), gebürtige Sauerländerin aus Werl, hatte bis zur Oberschulzeit nichts mit Katholizismus zu tun. Die bewusste Wahrnehmung einer Ordensfrau auf der Straße brachte sie zum Nachdenken über das Klosterleben. Sie konvertierte als 20-Jährige, studierte katholische Religionspädagogik und trat 1997 in den Frauenorden ein, der mit über 700 Schwestern in Europa, Asien, Nordamerika und Afrika Missionen unterhält. Vor knapp 20 Jahren entsandte der Orden Schwester. Mirijam nach Dänemark. Sie ist Oberin des 2017 neu erbauten Klosters Holte bei Kopenhagen und arbeitet zudem seit 2009 als Generalsekretärin und Pressesprecherin der Nordischen Bischofskonferenz.

Zu der gehören neben Dänemark auch Schweden, Norwegen, Finnland, Island und die Faröer. Sie hat den Überblick über das katholische Leben in dieser Region, gestand aber gleich zu Anfang ihrer Predigt mit einem Augenzwinkern, dass sie noch nie einen Elch gesehen hat

Zur Katholikenzahl gibt es nur grobe Schätzungen

Sie sei auch trotz der weiten Entfernungen im Norden noch nie so weit wie nach Berlin zu einer Predigt gefahren. Etwa 350 000 Katholiken sind in dem riesigen Gebiet Skandinaviens „gelistet“, in Finnland 0,3 Prozent, in Island 3,8 Prozent der Bevölkerung. Knapp drei Viertel gehören einer evangelischen Kirche an. Mirijam Kaschner sprach von einer hohen „Dunkelziffer“ an Katholiken: Wer nach Skandinavien kommt, wird nur nach „lutherisch oder nicht?“ gefragt, sodass nicht praktizierende Katholiken auch nicht registriert sind.

Überraschend viele gehören zur Gruppe der „Arbeitsmigranten“ – so aus Litauen, Polen, Kroatien. Flüchtlinge aus Syrien, Ruanda oder der Ukraine machen ebenfalls einen hohen Anteil aus. Aus 70 Nationen stammen die Mitglieder der katholischen Kirche Skandinaviens. Sie wächst, die Mitglieder sind jung und es fehlt an Kirchen und Gemeinderäumen. Gottesdienste wie in der Osloer St. Olavs-Kirche laufen vielsprachig, im Livestream und oft stündlich bei geöffneten Türen, weil Gläubige draußen stehen, knien, beten.

Als Schwester Mirijam bei ihrem ersten Gottesdienst in der Domkirche Kopenhagen sah, dass so viele Leute ihre Handys zückten, wunderte sie sich sehr. Doch nur der Übersetzer war hier gefragt, fand sie schnell heraus. Die nordischen Kirchen sind längst „online“, schon vor Corona. Die Entfernungen bringen es mit sich. Ein Kapuzinerpater betreut die St. Thorlack Gemeinde in Ost-Island, deren Gemeindegebiet sich über 600 Kilometer erstreckt. 600 Gläubige gehören zur Gemeinde, davon über 120 Kinder und Jugendliche, die sich auf Erstkommunion oder Firmung vorbereiten.

Da die unmöglich fünf Stunden mit dem Bus zum Unterricht fahren können, stellt der Pater Lernmaterial selbst her und kommuniziert von Unterricht bis Seelsorge via Zoom oder Skype, wie überall im dünn besiedelten Gebiet. Das nächste Erstaunen im Saal war groß: Kirchensteuer, vom Staat erhoben, gibt es kaum. Also ist die katholische Kirche im reichen Skandinavien arm. Unterstützt wird sie massiv aus Deutschland.

Kirchenkaffee stärkt die Gemeinschaft

Die Gottesdienste und Messen seien stets gut besucht, anschließend trifft man sich zum Kirchenkaffee. Wenn Gottesdienste seltener gefeiert würden, empfinde die Gemeinschaft sie als besonders tief und verbindend, nimmt die Ordensfrau wahr. In Deutschland sollte man sich bewusster auf die „Minderheitensituation“ einstellen, die auch in ihrer Heimatregion zu erwarten sei. Auch hier könnten „Kirchenkaffees“ die Lebendigkeit befördern. Im vergangenen Jahr war Schwester. Mirijam zur Weltbischofssynode berufen. „Die Weltkirche wird keine europäische, sondern afrikanisch und asiatisch geprägt sein“, ist ihr Fazit. Doch man dürfe sich hierzulande nicht in den „Schmollwinkel“ verabschieden. Katholiken müssten sich mit Antworten auf soziale und ethische Fragen einbringen.

Das junge Ehepaar Diebold war begeistert von der Veranstaltung. „Die Zahlen waren erstaunlich!“, fanden beide Partner, „so wenige Katholiken, so viele Gottesdienste, so eine Diaspora!“