Ökumene beim Bücherkauf

Michael und Karl-Heinz Möckel vor ihrer Lukas-Buchhandlung in Frankfurt. Foto: Familie Möckel

Die Lukas-Buchhandlung im katholischen Pfarrhaus von Frankfurt/Oder feiert ihr 30-jähriges Bestehen. Von 1963 bis zur Wendezeit hatte es keine christliche Buchhandlung mehr in der Stadt gegeben.

Größer könnten die Gegensätze nicht sein. Wie so oft in Frankfurt/Oder prallen hier architektonische Welten aufeinander. Vorn die 120 Jahre alte katholische Heilig-Kreuz-Kirche und das angrenzende Gemeindehaus in rotem Backstein, dahinter Beton-Wohnblocks aus DDR-Zeiten. „Lukas-Buchhandlung“ steht seit 1997 in großen Lettern über dem Eingang zum stattlichen Pfarrhaus mit seinen Türmchen und Zinnen. Hüter der christlichen Buchhandlung ist seit 30 Jahren die Familie Möckel. Als Inhaber tragen Karl-Heinz Möckel und sein Sohn Michael Verantwortung, mit an Bord sind aber auch die Frau des Seniorchefs und zwei Angestellte.

Karl-Heinz Möckel schaut dieser Tage oft zurück, wie alles begann im Dezember 1990. Um die ganze Geschichte zu verstehen, muss er jedoch noch weiter ausholen. Denn eigentlich sei er ja Bankkaufmann gewesen und das auch gern, aber zu DDR-Zeiten eckte er wegen seines christlichen Glaubens immer wieder an. Erst blieben ihm Aufstiegsmöglichkeiten bei der Staatsbank verwehrt, dann trennte man sich 1985 aus politischen Gründen ganz von dem unliebsamen Mitarbeiter. „Offiziell hieß das Umstrukturierung, aber die wahren Gründe las ich später in meiner Stasi-Akte“, erinnert sich Karl-Heinz Möckel. Bei der Diakonie fand er als Finanz-Leiter des Landguts Gronenfelde wieder eine Anstellung. „Doch nebenbei gehörte meine Liebe immer den Büchern“, erzählt der heute 73-Jährige.

Benannt nach dem Weihnachts-Evangelisten

Mit großem Engagement betrieb er vielerorts einen christlichen Büchertisch, regelmäßig auch in seiner evangelischen Kirchgemeinde St. Georg in Frankfurt. Gute Kontakte gab es in dem Zusammenhang traditionell auch zur katholischen Gemeinde. „Auch dort habe ich zu allen möglichen Anlässen meinen Tisch aufgebaut“. Eigentlich hätte Karl-Heinz Möckel schon damals gern eine eigene Buchhandlung eröffnet, aber politisch größere Kompromisse zu machen, das kam für ihn nicht in Frage. Dank der Zusammenarbeit mit der evangelischen Gemeinschaftsbuchhandlung in Karl-Marx-Stadt konnte Möckel auf der Leipziger Messe einkaufen und direkt bei der Evangelischen Verlagsanstalt und dem katholischen St. Benno-Verlag ordern. „Auf der Frühjahrsmesse 1989 stand plötzlich ein Herr hinter mir und interessierte sich für meine Bestellungen“, sagt er. „Diese Begegnung sollte für meinen Werdegang noch einmal sehr wichtig werden.“ Der Mann von damals hieß Albert Buck und kam aus dem bayerischen Tirschenreuth. Er war als Vertreter der Missionsbuchhandlung der Steyler Missionare nach Leipzig gekommen. Einige Monate später fiel die Mauer. Für Karl-Heinz Möckel der Startschuss für eine neue berufliche Laufbahn. Aus dem Finanzer sollte nun auch ganz offiziell ein Buchhändler werden. „Das war eine aufregende Zeit und ohne die tatkräftige Hilfe von Albert Buck wäre es viel schwieriger gewesen“, erinnert sich der Frankfurter. „Angefangen vom Einkauf bis hin zu Computeranwendungen hat uns unser Freund immer wieder geholfen.“ Ein besonderes Problem stellte die Finanzierung der Buchhandlung dar. Sicherheiten hatte Karl-Heinz Möckel keine. Hier sprang mit großem Vertrauen der damalige Kirchenrat Hans-Dietrich Schneider aus Berlin ein und bürgte privat bei der Bank. „Das vergesse ich nie“, sagt Karl-Heinz Möckel heute voller Dankbarkeit.

Den Namen für die Buchhandlung habe seine Tochter ausgewählt. Weil die Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium stehe, warum nicht Lukas? Schließlich sollte die Eröffnung am 10. Dezember 1990 mitten in der Adventszeit stattfinden, damals noch im alten Laden an der Berliner Straße. Neben Büchern kann man bei Möckels auch Devotionalien und Kunsthandwerk erwerben, darunter Geschnitztes aus dem Erzgebirge. „Gerade hier gibt es immer wieder auch Anknüpfungspunkte, um über den christlichen Glauben ins Gespräch zu kommen“, erzählt der Seniorchef. Überhaupt würde man nicht selten auch mit seelsorgerischen Anliegen konfrontiert. „Wir bemühen uns, ein offenes Haus für alle zu sein und das spüren die Menschen. Die Leute haben einfach Vertrauen zu uns“.

Seit einigen Jahren ist auch Sohn Michael mit leitend im Geschäft tätig. Der studierte Kulturwissenschaftler ist wie sein Vater mittlerweile zum leidenschaftlichen Buchhändler geworden. Gerade jetzt in der Corona-Zeit haben die Leute doch mehr Zeit zum Lesen.