Orgeln für die Freiheit

Er spielt die Orgel ohne Honorar für eine spezielle Gemeinde: Klaus Vaterrodt. Foto: Almut Lüder

Mit der Hedwigsmedaille – der höchsten Auszeichnung für Laien im Erzbistum – wurden zum Jahresanfang sechs Katholiken geehrt. Der Tag des Herrn stellt sie in lockerer Folge vor. Heute: Organist Klaus Vaterrodt.

Singen befreit. Eine Binsenweisheit – auch für Klaus Vaterrodt. Der 53-jährige ist studierter Elektroingenieur, Vater von zwei Kindern und hat ein Hobby: Er spielt Orgel. Seit 27 Jahren begleitet er die katholische Gemeinde in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Wittenau. Eine spezielle Gemeinde. Sie setzt sich meist aus Patienten zusammen, die zum Maßregelvollzug gehören. Zumindest im Gottesdienst sollen sie sich frei singen dürfen.

Einmal monatlich samstags findet der Gottesdienst statt. Die Kirche befindet sich auf dem freien Teil des weiten Geländes. Es dürfen nur Patienten teilnehmen, die eine „Lockerung“ bekommen haben. Sonst findet auch ihr Leben hinter Mauern und Stacheldraht statt. Am Anfang seines Orgeldienstes wurde Vaterrodt bezahlt, seit den Sparmaßnahmen in den Kirchen vor rund 20 Jahren verzichtet er auf Honorare. Ihm seien die Menschen wichtig. Für sein Ehrenamt wurde er kürzlich mit der Bronzenen Hedwigsmedaille des Erzbistums ausgezeichnet.

Musik bringt Ausgleich und Entspannung

Heute sind in die zeltförmige Kirche aus den 70er Jahren gerade einmal drei Patienten gekommen. Da sitzt Peter (Name geändert) in der ersten Reihe, ein anderer, adrett gekleideter Mann ein wenig abgesetzt, ein weiterer stößt später hinzu. Alle sind für sich. Doch der Gesang vereint sie. Laut und kräftig singen sie. Auf der Tafel sind viele Lieder angezeigt. Klaus Vaterrodt intoniert beherzt eins nach dem anderen auf dem kleinen, einmaligen Instrument mit Pedal, das sechs Register und rund 300 Pfeifen hat. Der Diakon des Tages und Krankenhausseelsorger im Maßregelvollzug, Wolfgang Kamp, der dem Gottesdienst vorsteht, ist Vaterrodt für seine Unterstützung sehr dankbar: „Die Musik führt zu Entspannung und Ausgleich. Die Menschen mit inneren Störungen brauchen Harmonie.“ Vaterrodt trete den Menschen mit Respekt gegenüber, würdigt er dessen Verdienste.

Nicht so einfach bei Menschen, die Straftaten begangen haben. Aber davon will Vaterrodt nichts wissen. Er beobachte bei ihnen eine Dankbarkeit. Vielleicht gerade deshalb, weil er sie nicht nach den Gründen frage, warum sie im Maßregelvollzug seien. Vor und nach dem Gottesdienst komme er mit einigen ins Gespräch. Er begründet diese Zurückhaltung aber auch mit seinem Bedürfnis nach Selbstschutz: Wenn er wisse, welche Straftaten sie begangen hätten, würde er damit nicht klarkommen. „Einige sind durchaus liebenswert. Für mich sind sie erst einmal Menschen“, schildert der Schlanke im weinroten Rollkragenpullover seine Erfahrungen.

Ein Bild will ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Vor etwa zehn Jahren kam ein Patient drei Monate lang immer wieder in die Kirche. Er hatte auf seine Teilnahme am Gottesdienst gepocht, die ihm zustehe – und sie durchgesetzt. Er erschien durch Fußketten gesichert.

„Was helfen uns die schweren Sorgen? Was hilft uns unser Weh und Ach?“, stimmt Vaterrodt die zweite Strophe aus „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ an. Die Mini-Gemeinde singt sich noch ein bisschen freier. Ohne hörbare Klage und Rührseligkeit. Die wenigen Männer wiegen kraftvoll auf, was ihnen an der Zahl von Mitstreitern fehlt. Über dem Altar hängt ein Kreuz mit sechs kleinen Quadraten in jedem Teil, das Mitpatienten angefertigt haben. Vor den Glasfenstern hinter dem Altar sind viele karge Bäume zu sehen.

Vaterrodt macht wenig Aufsehen um seinen Einsatz, der für ihn so selbstverständlich geworden sei. Ja, die Familie müsse natürlich mitspielen. Denn die Bonhoeffer-Kirche ist nicht die einzige, wo Vaterrodt Dienst tut. Als Organist ist man halt gefragt. In Berlin kennt Vaterrodt einige Kirchen, in denen er die Organisten vertreten hat. Von der Orgel in St. Nikolaus, seiner Heimatkirche in Wittenau, schwärmt er: „Wenn die Kirche dunkel ist, ich am Spieltisch sitze und der große Nachhall sich ausbreitet, ist das ein Erlebnis.“ Während Vaterrodt das erzählt, öffnet er beide Arme.

Eine kleine Kirchenorgel sei ihm zwar lieber als eine große elektronische. Aber er hat nur wenig Zeit für die Orgel. Darum ist er heilfroh, zuhause eine dreimanualige, computergesteuerte Orgel zu haben, die er selbst zusammengebaut hat. Daran kann er für die Sonntagsmessen üben, ohne nochmal in eine Kirche fahren zu müssen. Das spart Zeit.

„Andere tun ganz anderes.“

Lieblingskomponisten habe er nicht. In der Schule habe er mal ein Referat gehalten über Johann Sebastian Bach, deshalb sei er nicht unbedingt sein Lieblingskomponist. Er habe viele, die er mag. Und Lieblingsorgeln? Vaterrodt zählt die Instrumente in Berlin auf, die er bei seinen Aushilfstätigkeiten kennengelernt hat. Er nennt nicht die Riesenorgeln der großen Französischen Kathedralen. Und die berühmten Silbermann- Orgeln sind ihm nur von CDs ein Begriff.

Was bedeutet ihm die Hedwigsmedaille? Er rückt in aller Bescheidenheit zurecht: „Andere tun ganz anderes. Vieles erfährt man gar nicht“, sagt der Katholik, dessen Eltern aus Schlesien und dem Eichsfeld stammen. Als Junge war er Ministrant in St. Nikolaus, spielte ursprünglich Trompete und umrahmte zusammen mit dem damaligen Organisten Messen. Das hat ihn auf den Geschmack der Orgel gebracht. Bis heute ist er reiner Autodidakt geblieben. An eine andere Anerkennung erinnert er sich immer wieder gerne: „Eine ältere Frau kam nach dem Gottesdienst zu mir und sagte: ‚Schön, dass Sie kommen!‘ Das trifft ins Herz.“ Am Ende des Gottesdienstes greift Vaterrodt nochmal ordentlich in die Tasten: „Nun danket alle Gott“, spielt er. Es hört sich an wie eine musikalische Wegzehrung für diejenigen, die zurückkehren müssen in ihr Leben in Unfreiheit.