Bereits zum 17. Mal pilgerten Mitglieder westbrandenburger Gemeinden vom Fläming in die Prignitz. Da die Gruppe von einem Kreuzträger angeführt wurde, fiel sie im überwiegend säkularen Umfeld auf.
Die Sonne scheint, betörender Robinienduft erfüllt den Park. Martina Wegner hat sich im Gras ausgestreckt und schaut der Gruppe Wanderer neben sich auf dem Rastplatz zu. Schuhe stehen herum, Füße werden „gelüftet“ und muntere Gespräche geführt. Die Teilnehmer der „Himmel-Wall-Fahrt“ im Havelland machen Pause. Die meisten sehen geschafft, aber zufrieden aus. Martina Wegner fährt das Begleitfahrzeug und ist unter anderem für die Verpflegung an den Haltepunkten verantwortlich.
Die Wallfahrt fand in diesem Jahr zum 17. Mal statt und wird von „deo iuvante Friesack“, dem gemeinnützigen Förderverein der dortigen katholischen Kirchengemeinde, getragen. Die Gruppe ist von Tag zu Tag unterschiedlich groß: Etwa ein bis zwei Dutzend Männer und Frauen mittleren Alters und einige Senioren laufen acht Tage lang von Treuenbrietzen im Fläming nach Kyritz in der Prignitz. Etwa acht bis zehn Leute gehen die gesamte Strecke.
Was 2008 als Versuch begann, ein alternatives Himmelfahrts- Angebot zu schaffen und die Gemeindestandorte kennenzulernen und zu verbinden, hat sich verstetigt. Ursprünglich starteten die Christen am Himmelfahrtstag in Ketzin und liefen nach Kyritz. „Dort waren wir dann so richtig ‚eingelaufen‘“, erklärt Matthias Rehder lachend, weshalb man drei Jahre später eine längere Route in Angriff nahm. Nach der organisatorischen Neuordnung sind nun Teilnehmer der Pfarreien St. Bonifatius Nauen-Brieselang und Heilige Dreifaltigkeit Havelland-Fläming dabei.
Zu den Kirchengemeinden der Orte, durch die die Wallfahrer kommen, gibt es längst freundliche Beziehungen. Kirchen werden geöffnet, mal hält ein Pfarrer eine Messe für sie. „Oft bekommen wir abends ein Essen, immer eine Unterkunft im Gemeindehaus oder ein Bett bei Brüdern und Schwestern“, sagt Martina Wegner. Auch die Gemeindeleitungen sind zum Mitpilgern eingeladen. Heute stößt Kaplan Krzysztof Gaul im kleinen Örtchen Cammer zu der Gruppe. Er ist seit Herbst 2024 in Nauen im Dienst, also zum ersten Mal dabei. Die Gruppe freut sich über den Neuankömmling. Er wird in die Mitte genommen und in die Gespräche einbezogen. Der Tagesablauf hat einen festen Rahmen: von Morgengebet oder heiliger Messe über Mittags-, Abend- und Nachtgebet. Für den Weg haben Matthias Rehder und seine Mitstreiter Psalmen, Rosenkranzgebete sowie Impulse vorbereitet. Diese sollen in Gesprächen oder im Schweigen verarbeitet werden. Mit dem Schweigen habe mancher Probleme, hat Matthias Rehder bemerkt. Doch der Wechsel von Reden und Schweigen helfe, aus dem Alltagstrott zu treten, Beschwerendes abzuwerfen und offen für Schönes und Wichtiges zu werden. Außerdem könne man während der Gespräche und Gebete den eigenen Glauben festigen.
Überall begegnen den Wallfahrern Menschen, die sich positionieren: erstaunt, abschätzig, erfreut. Neugierig wird die Gruppe auch am Rastplatz Cammer von einer Frau angesprochen. Wohin man gehe, wer da unterwegs sei und weshalb. Stephanie Kaune erinnert sich daran, dass es manchmal auch ganz schön seltsame Blicke gab, seit sie das Kreuz mit sich führen. Da habe es am Straßenrand öfter Kopfschütteln oder ungute Bemerkungen gegeben. Doch es gibt auch schöne Erfahrungen, etwa vor zwei Jahren beim Kloster Lehnin: Auf einer Weide arbeiteten Iren in riesigen Traktoren. Sie hielten an, als sie die Pilger sahen und nahmen ihre Mützen ab. „So viel Aufmerksamkeit kriegen wir nicht oft“, sagt Matthias Rehder.
Etwas Besonderes war auch die erste Teilnahme von Volker Schilling. Der Endsechziger aus Rathenow lief probehalber mit. Er habe Matthias Rehder alles „an den Kopf geworfen“, was ihn damals bewegte – schief lief, privat, beruflich. Es fehlte ihm der Halt im Alltag. Durch den Fußmarsch fand er zur Gemeinschaft, zu Gott. Er ließ sich anschließend taufen. „Ich bin jetzt der glücklichste Mensch!“, sagt er überzeugt und greift nach dem Kreuz, das er auf der nächsten Etappe tragen wird. Rasch ist die Gruppe aufgestellt, Volker Schilling und Matthias Rehder vorn, der Kaplan mittendrin. Alle freuen sich auf das Zusammensein, das Singen, die Gebete und das verdiente Essen am Abend in Kloster Lehnin.