Was tun mit Kirchen, die kaum noch genutzt werden? In Vorpommern verpachtet die Sankt-Otto-Gemeinde ihre Gützkower Marienkirche jetzt an die rumänisch-orthodoxen Christen.
„Ja, hier ist es“, war Nicolae Negru- Amans erster Gedanke, als er auf das Grundstück der katholischen Kirche St. Marien im vorpommerschen Gützkow fuhr. Der Priester verliebte sich sofort in das Kirchlein von 1910, in das Pfarrhaus und den Garten: Der ideale Ort für ihn und die rumänisch- orthodoxen Christen in Vorpommern. „Die Anbindung ist durch die A20 auch wunderbar“, meint er.
Seit 2015 war die Gemeinde in Vorpommern auf der Suche nach einer passenden Kirche und einem Priester. „Es ist schwer, gerade auch im Ausland, einen Priester zu finden“, erzählt Nicolae Negru-Aman. Anders als hier zu Lande sind die rumänisch-orthodoxen Priester ehrenamtlich tätig, werden von ihrer Kirche nicht bezahlt und gehen im Haupterwerb einem anderen Job nach. Nicolae Negru-Amans arbeitet als Physiotherapeut. Erst am letzten Neujahrsfest wurde er in Berlin zum Priester geweiht. Seit 2013 engagierte er sich in den beiden rumänisch-orthodoxen Gemeinden der Hauptstadt und hilft dort weiterhin als Vertretung für die dortigen Priester aus.
Die Alternative war, die Kirche als künftiges Restaurant zu entweihen
Die Greifswalder rumänisch-orthodoxen Christen sammelten in ganz Mecklenburg-Vorpommern Unterschriften für einen eigenen Geistlichen. 30 brauchten sie, damit ihr in Nürnberg ansässigen Metropolit und Erzbischof Serafi m Joantă einen eigenen Priester für das Bundesland genehmigte. Die ersten Liturgien – so nennt man in der orthodoxen Kirche die Gottesdienste – fanden in einer Kleingartenanlage statt – das kam als Dauerlösung aber nicht in Frage. Also schrieb der neue Priester E-Mails an die Vertreter der anderen christlichen Gemeinden in Greifswald.
Propst Frank Hoffmann meldete sich: „Ich teilte mit, dass es hier in Greifswald schwierig sei, aber wir hätten da ein Kirchlein in Gützkow.“ St. Marien, 1910 für die polnischen Erntehelfer erbaut, wurde in dem 3000-Einwohner- Städtchen zuletzt nur noch von wenigen Katholiken genutzt. Als Pfarrer Franz Niepel, der die Gemeinde noch im Ruhestand lange betreut hatte, den Ort verließ, stand für die Pfarrei St. Otto die Frage im Raum: Was tun? Es gab Interessenten, die hier ein Restaurant einrichten wollten. Dafür hätte die Kirche entweiht werden müssen. „Das wollte keiner“, berichtet der katholische Pfarrer. In dieser Zeit sei die Anfrage vom rumänisch- orthodoxen Priester Nicolae Negru-Aman „fast wie ein kleiner Wink Gottes“ erschienen. Die Gemeinde entschied sich, die Kirche in Gützkow zu verpachten, für fast 50 Jahre. „Man sagt, nach 50 Jahren trage Gemeindearbeit Früchte“, meint der rumänisch- orthodoxe Priester und freut sich auf Gützkow. Für ihn ist es wie die Erfüllung eines Traums, der 2013 begann, als er mit seiner Frau Rumänien verließ. „Damals vertiefte sich unser Glaube“, erzählt der zweifache Familienvater.
Kirchenbänke weichen, da die orthodoxe Liturgie stehend gefeiert wird
Um in St. Marien gut rumänisch- orthodoxe Liturgie feiern zu können, wird er noch einiges umstellen müssen: „Die Bänke kommen an die Seiten. In der orthodoxen Kirche steht man hauptsächlich“, erläutert er. Die Frauen stehen von den Männern getrennt, ein Beichtstuhl wird nicht gebraucht: „Diese Gespräche finden bei uns von Angesicht zu Angesicht statt. Der Priester ist wie eine Art Verbindungsrohr. Die Vergebung kommt allein von Jesus“, erzählt der 33-Jährige weiter. Auch der Kreuzweg wird ausgetauscht, denn zur rumänisch- orthodoxen Tradition gehört er nicht. Stattdessen sollen Bilder zu den wichtigsten Festen aufgehängt werden. Die Gläubigen kommen von Rügen, aus Stralsund, Greifswald oder gar aus Rostock, viele sind in der Gastronomie tätig. Drei Katechumenen aus Stralsund bereiteten sich gerade auf die Taufe an Weihnachten vor. Derzeit ist Nicolae Negru-Aman alle zwei Wochen in Gützkow, schaut nach dem Rechten, gibt Katechumenenunterricht und hält Liturgie. Im Frühling 2021 wird er mit seiner Frau, seinem vierjährigen Sohn und seiner zweijährigen Tochter nach Gützkow ziehen und das alte Pfarrhaus, die St.-Marien-Kirche und den Garten neu beleben.