„Toll, dass es uns noch gibt – schade, dass es uns noch geben muss“

Pater Jan Korditschke vom Jesuiten- Flüchtlingsdienst mit dem Hoffnungstuch. Foto: Walter Plümpe

Seit 30 Jahren engagieren sich die Mitglieder des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Berlin.

105 Stoffquadrate sind zu einem großen Hoffnungstuch zusammengebunden. Es hängt und liegt in St. Canisius in Berlin: ein Blickfang während des Gottesdienstes zum Weltflüchtlingstag. Unter dem von einer Kinderhand gezeichneten Regenbogen in der Mitte haben über 100 Geflüchtete ihre Botschaften geschrieben: Zeig mir den Weg der Hoffnung. Hass, Spaltung und Rache tun nichts anderes als die Hoffnung vergiften. Ich hoffe auf Menschlichkeit und Frieden in der Welt. Hoffnung ist das stärkste Seil, das einen Menschen an das Leben bindet.

Innerhalb von zwei Wochen hat Shazy Yildiz mit Teilnehmern von Sprachkursen beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) dieses Hoffnungstuch gestaltet. Für den Jesuiten Pater Jan Korditschke, Flüchtlingsseelsorger im Erzbistum Berlin, sind diese Gedanken der Hoffnung zur Feier des 30-jährigen Bestehens des JRS ein wichtiges Zeichen: „Wir verstehen uns als Ort der Hoffnung, als Raum des Zuhörens, der Begegnung und der konkreten Unterstützung. Und das in einer Zeit großer Herausforderungen durch Flucht und Migration. Wir stellen uns an die Seite der Geflüchteten und schenken ihnen Hoffnung.“

Sehen, wertschätzen, Schätze entdecken – diesen Dreiklang betont Pater Korditschke als Grundlage des JRS. „In allen Menschen liegt ein Schatz verborgen. Das ist seine unveräußerliche Würde. Dazu kommen Fähigkeiten und Begabungen, sich am Aufbau unserer Gesellschaft zu beteiligen. Geflüchtete sehen diesen Schatz oft nicht.“

Stefan Keßler, Direktor des JRS, bringt es so auf den Punkt: „Toll, dass es uns noch gibt, und schade, dass es uns noch geben muss.“ Die Arbeit sei in den vergangenen Jahren noch wichtiger geworden. „In der aktuellen Debatte um Flucht und Migration geraten die schutzbedürftigen Menschen immer mehr aus dem Blick.“ Es gehe nur noch um Zahlen und Quoten. „Dass dahinter einzelne Menschen stehen, kommt kaum noch vor.“ Er beobachtet eine zunehmende Entsolidarisierung und wachsende Erbarmungslosigkeit in der Politik. Diesem Trend setze der JRS „unseren Glaube und unsere Hoffnung auf Gerechtigkeit“ entgegen.

1980 wurde der JRS vor dem Hintergrund der vietnamesischen „boat people“ gegründet. 1995 hat in Berlin die Betreuung von Menschen in Abschiebehaft begonnen. Inzwischen zählt auch die Betreuung von Flüchtlingen im Kirchenasyl, „Geduldeten“ und Menschen ohne Aufenthaltsstatus zur Arbeit. Die Schwerpunkte dabei sind Seelsorge, Rechtshilfe, politische Fürsprache.

Die Tendenz, Flüchtlinge nicht mehr sehen zu wollen, beklagt Stefan Keßler. Abschottung sei kein hilfreiches Mittel der Politik. Die Entwicklung des politischen Diskurses bereitet ihm Angst. Doch hofft er auf bessere Zeiten. „Toll, dass sich Leute beim JRS begeistern lassen. Das macht mir Mut.“