Tragfähige Beziehungen aufbauen

Foto: Caritas-cfj

Juliane Kaumann arbeitet in der Berliner Krisengruppe „Houston“. Dort finden junge Menschen, die Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben, Schutz, Begleitung sowie professionelle Unterstützung.

„Wir wollen den Jugendlichen eine gute Zeit ermöglichen“, beschreibt Juliane Kaumann das Ziel ihrer Arbeit. „Dass sie rückblickend über die Monate bei uns sagen können: ‚Hier waren Erwachsene für mich da, die haben mich so genommen, wie ich als 14-Jährige war.‘“ Die Sozialarbeiterin ist überzeugt, jeden Jugendlichen mit Beziehungsarbeit erreichen zu können, „den einen mehr, den anderen weniger“.

„Houston“ steht an der Tür in einem Wohnblock von Marzahn-Hellersdorf. Die Familien- und Jugendhilfe der Caritas hat hier eine Krisengruppe für Jugendliche eröffnet. Sie bietet jungen Menschen in akuten Belastungssituationen Schutz, Begleitung sowie professionelle Unterstützung. „Eine Krise ist eingetreten, wenn jemand die Anforderungen des Alltags nicht mehr selbstständig bewältigen kann“, erläutert Juliane Kaumann, „keine Tagesstruktur mehr hat, nicht zur Schule geht und nicht mehr auf sich aufpassen kann.“ Ursachen können belastende Familienverhältnisse, unsichere Bindungserfahrungen sowie erlebte Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch sein. Diese Erfahrungen prägen das Verhalten der jungen Menschen und stellen Fachkräfte oft vor große Herausforderungen. Weil es nicht immer gelingt, passgenaue Hilfsangebote zu finden, kommt es wiederholt zu Einrichtungswechseln. „Wobei Heranwachsende diese Situation häufig annehmen, weil sie bislang kein anderes Leben kennengelernt haben.“

Sechs Einzelzimmer hat die Krisenwohnung und die sind schnell belegt. „Manchmal zieht vormittags jemand aus und nachmittags jemand ein.“ Wer kommt, wird herzlich willkommen geheißen. Es wird nach besonderen Wünschen, Allergien oder Essensvorschriften gefragt. „Danach zeige ich den Neuaufnahmen ihr Zimmer und lasse sie erst einmal in Ruhe.“

Manche ziehen sich zunächst zurück, um anzukommen und sich von dem, was sie an Belastendem erlebt haben, zu erholen. Andere nutzen „Houston“ vor allem als Schlafmöglichkeit und halten sich tagsüber nur zeitweise in der Einrichtung auf. Wieder andere sind stark mit sich selbst beschäftigt und wünschen zunächst keinen Kontakt zu den Betreuern, was respektiert wird. Die Fachkräfte setzen auf Freiwilligkeit und Beziehung statt auf Zwang. Bleibt ein Jugendlicher über Nacht weg, greift jedoch die Fürsorgepflicht der Einrichtung und eine Vermisstenmeldung wird veranlasst.

Jeden Sonntagabend findet in den Gemeinschaftsräumen eine Gruppenstunde statt, in der die jungen Menschen sagen können, was sie auf dem Herzen haben, Wünsche äußern und Kontakte untereinander sowie zu den Fachkräften knüpfen können.

Einige Zeit nach der Aufnahme wird über die Perspektive gesprochen: „Manche wollen zu ihrer Familie zurück. Wer Freunde in Berlin gefunden hat, will hierbleiben. Andere wollen weit weg von der Familie oder raus aus der hektischen Großstadt und woanders einen Neustart wagen.“ Juliane Kaumann arbeitet mit Leidenschaft in der stationären Jugendhilfe. Besonders die Arbeit mit Jugendlichen, die im Hilfesystem an Grenzen stoßen, liegt ihr am Herzen. Sie ist überzeugt, dass jeder junge Mensch über Ressourcen verfügt und sich entwickeln kann. Vorausgesetzt, es gelingt, tragfähige Beziehungen aufzubauen. „Denn niemand wird ohne Anpassungsfähigkeit geboren und jeder kann in Beziehungen treten, wenn Vertrauen entsteht.“