Die Lazarus-Dienste der Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit Stralsund in Vorpommern feierten dreijähriges Bestehen. Zu Gast war ein Theaterensemble mit einem Stück über „Wendezeiten“ im Leben.
„Unser Leben ist geprägt von Wendezeiten. Wir als Lazarus-Dienste begleiten Menschen an Wendepunkten“, meinte die Koordinatorin der Dienste in der Stralsunder Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit Martina Steinfurth zum dritten Geburtstag des Dienstes. Im Winter 2019 gingen in der Gemeinde an der Ostsee Ehrenamtliche gemeinsam auf die Reise, ökumenisch und überkonfessionell. Gemeinsam wollten sie einen neuen Schwerpunkt setzen, Hilfen bündeln für die Menschen in der Hansestadt, egal ob christlich oder nicht.
Theaterstück über Wendepunkte
Um Wendezeiten ging es auch im Theaterstück von Beate Reuter und ihrem Ensemble, welches beim dritten Geburtstag der Lazarus- Dienste in Stralsund aufgeführt wurde: Darin erzählen die Protagonisten von ihren unterschiedlichen Lebensläufen. Eine Frau, die nach Schweden geht – der Liebe wegen. Eine Universitätsangehörige, die zu DDR-Zeiten nach Sarajevo zu einer Partneruniversität geschickt wird. Eine andere Frau, die aus der DDR ausreisen möchte, im Gefängnis landet und bis heute darunter leidet. Kinder, die als Erwachsene ihre leiblichen Eltern wiedertreffen, die aus der DDR ausreisten – ohne Sohn und Tochter. Auch der Blick nach vorn wird im Stück gewagt. So kommt eine 14-Jährige zu Wort, die einen Brief an ihre Urenkel verfasst hat: „Nicht allen Menschen war der Klimawandel egal. Gibt es bei euch noch Corona und bei welcher Impfung seid ihr jetzt? Wie ist der Krieg in der Ukraine ausgegangen?“
Die Szenen, unterlegt mit Musik und Gesang, bewegten die rund 50 Ehrenamtlichen an diesen Abend. „Es sind berührende Rückblicke. Ich kann mich kaum an die Wendezeit erinnern. Ich war da gerade sechs. Ich weiß nur, dass meine Eltern sehr überschwänglich waren“, so eine Zuschauerin im Gespräch danach.
Für Beate Reuter war die Arbeit an dem Stück erstaunlich. „Wir hatten drei Jahre lang eine gute Theatergruppe in Greifswald. Dann kam Corona“, so die Theaterpädagogin. Anfangs hieß es: Die Pandemie sei eine große Wende, ein Wendepunkt: „Da fragten wir uns, was sind Wendepunkte im Leben von Menschen?“ Beate Reuter und eine Kollegin führten Interviews über Wendezeiten mit Menschen von neun bis 95 Jahren. Daraus entstand das Theaterstück „Wendezeit“, gefördert von der Universitäts- und Hansestadt Greifswald und dem Verein Partnerschaft für Demokratie mit insgesamt 4000 Euro.
Nach all den Befragungen ist sie überzeugt: „Große Ereignisse brauchen immer eine bestimmte Zeit – meist so 30 Jahre – bis sie sich kollektiv gesetzt haben. Dann muss es raus, dann erzählen die Menschen. Mir war vorher nicht klar, wie sehr die Wende 1989, das Leben der Menschen umgekrempelt hatte.“ Vier Mal konnte das Theaterstück bis jetzt aufgeführt werden, weitere Aufführungen sind möglich.
Schwerpunkt: Sterben, Tod und Trauer
Wie die Wendepunkte im Theaterstück haben auch die Lazarus- Dienste die Leben ihrer „Kunden“ verändert. Mittlerweile engagieren sich 100 Ehrenamtliche im Dienst, besuchen Senioren in Heimen, erledigen kleine Einkäufe, sind auch mal Taxi, vermitteln andere Ehrenamtliche am Hilfetelefon. Im November 2022 wurde das Friedhofscafé „Vergissmeinnicht“ eröffnet. Hier haben Ehrenamtliche ein offenes Ohr und warme Getränke für Friedhofsbesucher (der Tag des Herrn berichtete). Dabei kooperiert der Dienst der Gemeinde auch mit dem ambulanten Hospiz-Dienst der Caritas Stralsund. Viele Ehrenamtliche engagieren sich in beiden Diensten, was gerade bei den Senioren-Besuchen in Coronazeiten von Vorteil war. „Viele kamen ja gar nicht in die Einrichtungen hinein“, erzählt Martina Steinfurth. Finanziert werden die Lazarus-Dienste seit Juli 2022 ausschließlich durch Spenden, nur die Koordinatorin wird vom Erzbistum bezahlt: eine Erfolgsgeschichte – trotz Pandemie.
„Im letzten Jahr haben wir darüber hinaus viele Wohnungsauflösungen begleitet, die Formalien geregelt“, so die Koordinatorin. Auch Beerdigungen haben Engagierte der Lazarus-Dienste durchgeführt: „Meist von Menschen, die nicht mehr in der Kirche waren, dennoch christlich oder dem Glauben nahe und sich das gewünscht hatten.“ Dafür hatten Martina Steinfurth und einige Ehrenamtliche eine spezielle Ausbildung absolviert. Als in einem Nachbardorf eine Grundschullehrerin bei einem Hausbrand starb, organisierte der Dienst mit dem evangelischen Pastor vor Ort einen Abschiedsgottesdienst. Die Themen Sterben, Tod und Trauer stehen bei den Lazarus-Diensten im Vordergrund.
Aber die Ehrenamtlichen halfen – besonders im letzten Jahr – Menschen auch bei Behördengängen. „Außerdem konnten wir einem obdachlosen Afghanen eine Wohnung vermitteln. Die Lazarus-Dienste hat sie für ihn gemietet“, berichtet sie. Kurz vor Weihnachten war das. Der Obdachlose wurde vorher schon von Ehrenamtlichen versorgt. „Es entsteht mit der Zeit oft eine Art von Patenschaften zwischen Hilfesuchenden und Helfenden“, so Martina Steinfurth, „damit Wendezeiten gut überstanden werden können“.