Sarah Michel ist Sozialarbeiterin bei IN VIA. Sie besucht und berät Frauen, die als Prostitutierte auf den Straßenstrichs im Land Brandenburg arbeiten. Ihre Aufgabe ist es, bei Behördengängen zu helfen und ärztliche Untersuchungen zu ermöglichen.
Straßen schlängeln sich durch wogende Felder, kleine Dörfchen mit süßen Kirchen, grüne Wälder – Brandenburg. Autos brausen mit hoher Geschwindigkeit vorbei. An den Straßenrändern führen in regelmäßigen Abständen kleine Einfahrten in die Wälder und Felder. Neben denen sieht der Durchfahrende immer wieder leicht bekleidete Frauen auf Klappstühlen sitzen und warten – Straßenstrich. Auch das ist Brandenburg. Zu diesen Frauen, Prostituierten zumeist aus Bulgarien und anderen osteuropäischen Ländern, ist Sarah Michel unterwegs.
Wie viele Prostituierte es in Deutschland gibt, weiß niemand genau
Die 29-Jährige ist Sozialarbeiterin für IN VIA, arbeitet dort als „Streetworkerin“ (wörtlich: Straßenarbeiterin) im Bereich der Aids-Prävention und -Beratung. Sie informiert zu rechtlichen und sozialen Regelungen für Frauen, die im Prostitutionsbereich arbeiten und hilft auf Wunsch beim Ausstieg aus der Prostitution. Wie viele Prostituierte es in Deutschland gibt, weiß niemand so genau – es kursieren Zahlen um die 400 000, aber wer genau die aufgebracht hat, ist ebenfalls nicht abschließend ermittelbar. 12 bis 15 von ihnen sind laut Michel rund um Seelow tätig, die Zahl schwanke ständig.
„Im Sommer sind meine Kollegin und ich mindestens einmal die Woche unterwegs zu den verschiedenen Straßenstrichs im Land Brandenburg und auch hinter der polnischen Grenze“, erzählt Michel, während sie das Auto Richtung Seelow steuert. Rund um die Kleinstadt nahe der Oder gibt es etliche Standorte, an denen die Damen, die sich selbst lieber als „Sexarbeiterinnen“ bezeichnen, auf ihre Kunden warten. Heute sind es nicht so viele wie sonst, denn heute gab es zwischen den Tagen der Sommerhitze einen Gewitterschauer. „Da machen sie dann auch schon mal früher Feierabend.“
Aber nicht alle: Eine Frau mit langen dunklen Locken, einer knackig kurzen Hose und pinkfarbener Jacke sitzt mit ihrem Regenschirm am Straßenrand und harrt aus. Bei ihr hält Michel an, steigt aus, geht offen auf die junge Bulgarin zu. Lachend und herzlich begrüßen sich die beiden, es sieht eher aus, als würden sich hier Freundinnen begegnen. Kurz fragt Michel, wie es ihr geht – „Gut!“ – und wie lange sie heute noch arbeitet – „noch zwei Stunden ungefähr“ –, bevor die Frau fragt: „Wann kommt ihr wieder zur Untersuchung?“
Denn nach Möglichkeit bringt IN VIA auch Ärztinnen mit, die zumindest eine Blutabnahme vornehmen können. Gynäkologische Untersuchungen sind natürlich nicht möglich so in freier Natur. Die Ärztin, die früher öfter mitgekommen ist, hat die Stelle gewechselt – nun sucht IN VIA eine neue Begleiterin, bisher aber erfolglos. Aber wenn sich genug Interessentinnen finden, holt Michel auch einmal ein Auto voll Frauen nach Berlin zur Untersuchung. Das sagt sie auch der jungen Bulgarin.
Dann öffnet Sarah Michel den Kofferraum des Autos, zeigt der Frau, welche Kondome und Gleitgels sie ihr anbieten kann. „Hast du nicht die großen?“, fragt die Frau nach bestimmten Präservativen. „Nein, heute leider nicht“, lautet die Antwort. Michel fragt noch nach der Cousine, die sonst oft auf der anderen Straßenseite sitzt – sie ist heute den ganzen Tag gebucht, ein großes Glück, denn dann gibt es auch ungewöhnlich viel Geld. Wie viel genau, dazu will Michel lieber nichts sagen.
Von der manchmal geübten Kritik, dass ein Verband der katholischen Kirche Kondome verteilt, weiß auch Sarah Michel natürlich. „Aber keine der Frauen macht das hier, weil sie von uns kostenlos Kondome bekommt“, sagt sie. Die Alternative sei eher, dass sie ohne Kondome arbeiteten und sich dadurch leichter mit sexuell übertragbaren Krankheiten infizierten. Auch, dass man die Frauen dadurch in der Prostitution halte, sei falsch. „Ich glaube, viele zweifeln schon auch oft an ihrer Tätigkeit, aber es ist in dieser Lebensphase einfach die Form, die Familie zu versorgen“, erklärt Michel.
Und so klärt sie auf, auch über die rechtliche Situation. Sie geht ans Handy, wenn sich die Frauen melden, weil zum Beispiel Polizei oder Ordnungsamt da waren und einen Zettel dagelassen haben, den sie nicht verstehen. Aktuell verwirre und ängstige das neue Prostituiertenschutzgesetz viele der Frauen, denn alle müssen sich danach behördlich anmelden, riskieren sonst eine Geldbuße. „In Brandenburg kann jede Kommune selbst entscheiden, wer für die Anmeldung zuständig ist“, weiß Michel – eine Herausforderung für die Frauen, die oftmals nicht richtig Deutsch können. „Sie haben oft Angst, wenn sie schon einmal schlechte Erfahrungen mit Polizei oder Behörden gemacht haben, aber sie wollen auch oft nichts illegales tun – nur arbeiten und Geld verdienen und dass es glatt läuft.“ Die Frauen seien aber in ihrer Arbeit durchaus nicht ängstlich, sondern selbstbewusst und klar, erzählt Michel. Und sie wiesen auch schon einmal einen Freier ab. „Die wissen genauer, was sie wollen und was nicht als viele andere“, zeigt sich die Sozialarbeiterin beeindruckt von den Persönlichkeiten.
„In die Heimat zurück könnten sie auch ohne uns“
Durch die Beratung und Prävention baut IN VIA auch Vertrauen auf, um den Frauen zur Seite stehen zu können, wenn sie einmal aus der Prostitution aussteigen wollen. „Ich werde schon öfter einmal darauf angesprochen“, sagt die Sozialarbeiterin. Dabei gehe es nicht darum, in die Heimat zurückzukehren – „das könnten sie auch ohne uns“ –, sondern die Frage sei eher: „Kannst du mir einen Job besorgen?“ Das aber sei oft ein langer Weg mit gewaltigen Hürden, so Michel. Denn für eine reguläre Arbeit in Deutschland brauche es Sprachkenntnisse, die Frauen seien weniger selbstbestimmt und flexibel in ihren Arbeitszeiten, könnten nicht einfach in die Heimat fahren und bekämen obendrein auch meistens deutlich weniger Geld. Nur selten gelinge es, auf diese Weise den Ausstieg zu vollziehen.
Kalte Luft kommt aus dem Gebläse im Auto, während Sozialarbeiterin Michel von einer Feldeinfahrt zur anderen fährt. Wo eine Frau nervös wirkt, möglicherweise gerade auf einen Stammkunden wartet, verabschiedet sich die Streetworkerin schnell wieder. Denn das Vertrauen baut sich auch dadurch auf, dass sie das Geschäft nicht zerstört. Eine polnische Frau hat ein Auto, in dem sie auch vor schlechtem Wetter geschützt auf Freier warten kann. Das ist ein großer Standortvorteil in der Konkurrenz. An ihrem Platz steht heute ein zweites Auto, sie hat gerade Kundschaft. Auch hier fährt Michel einfach weiter.
Kostenlose und anonyme Beratungen in vielen Sprachen
„Auch wenn man nicht immer alle Frauen antrifft, ist es wichtig, kontinuierlich da zu sein, ein beständiges Angebot zu machen“, weiß sie. Seit acht Jahren macht IN VIA diese Arbeit. Die Beratungen sind kostenlos und gegebenenfalls anonym in den Sprachen Deutsch, Englisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Ungarisch und Französisch möglich. Bei Bedarf erfolgt auch eine enge Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen für Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind.
Sarah Michel ist gern für die Frauen da. „Nach meinem Studium wollte ich sowieso in die Arbeit mit erwachsenen Frauen einsteigen“, erzählt sie. Auch während des Studiums hat sie schon als studentische Hilfskraft in einem Projekt mit Prostituierten gearbeitet. Da kam die Stelle bei IN VIA gerade recht.
Neben den sieben Straßenstrichs, die die Sozialarbeiterinnen von IN VIA betreuen, beraten sie auch in Bordellen und in Privatwohnungen. Letztere finden sie vor allem durch Internetrecherche. Dafür liest Michel sich regelmäßig durch Freierforen, eine sehr belastende Arbeit. „Das kann ich auch nicht viele Stunden am Stück machen“, sagt sie. Und natürlich gebe es auch sonst belastende Situationen in ihrem Beruf. „Irgendwann“, meint sie, „ist man wahrscheinlich zu abgestumpft, um das hier noch machen zu können“. Dann sei es besser, in einen anderen Bereich zu wechseln. Menschen, die Hilfe von Sozialarbeitern benötigen, gibt es schließlich genug.