Waisenhaus im Kloster

Der achtjährige Mykola und die siebenjährige Darina zusammen mit Betreuerin Halyna Mybachuk.

Ein komplettes Kinderheim zog nach dem Beginn des Ukraine-Krieges vor drei Jahren nach Deutschland um. Im Ursulinenkloster in Neustadt (Dosse) haben die Jugendlichen ein neues Zuhause gefunden.

Das Haus ist eine kleine Oase mitten im Grünen. Hier können die 16 Kinder im Alter von sieben bis 17 Jahren ungestört spielen. An diesem sonnigen Tag sitzen sie auf den Bänken vor dem Haus in Neustadt (Dosse), ein Junge fährt auf seinem Fahrrad. Gleich daneben liegt das Kloster der Ursulinen, die die Jugendlichen vor fast drei Jahren, im Dezember 2022, aufgenommen haben. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist ein komplettes Waisenhaus aus Riwne im Nordwesten des Landes nach einem Zwischenstopp in Grünheide bei Berlin in das frühere Gästehaus des Klosters in Neustadt umgezogen. Über die Caritas, die die jungen Ukrainer betreut hat, kam der Kontakt zum Kloster zustande.

Eigentlich sollten die Kinder nur ein Jahr bleiben, doch der Krieg dauert bis heute an. Ihre alte Heimat wird nach wie vor von russischen Raketen getroffen. Manche der Kinder und Jugendlichen verstehen gar nicht genau, warum sie jetzt in Deutschland sind. Alle haben eine körperliche oder geistige Behinderung, manche sind autistisch, andere erblindet. Eltern hat keiner mehr von ihnen. Auch Verwandte sind bisher nicht zu Besuch gekommen. Für die meisten Ukrainer sei das zu aufwendig oder zu teuer, erzählt Einrichtungsleiterin Grit Hilbig. Stattdessen halten manche über Videochats oder Telefon Kontakt zu Oma, Opa oder Tanten.

„Es waren mal 25 Kinder“, berichtet Hilbig. Einige haben das Heim bereits verlassen, etwa weil sie eine Ausbildung begonnen haben. Von den verbliebenen 16 Kindern geht eines noch in die Kita, die anderen zur Schule – in spezielle Schulen für Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen.

„Am Anfang hatten viele oft Heimweh“, erzählt Hilbig. „Das gibt sich aber mittlerweile, die Jugendlichen kennen sich untereinander.“ Und sie haben ihre Betreuerinnen gleich aus der Ukraine mitgebracht: Von den elf Mitarbeiterinnen s tammen f ünf a us R iwne. E ine v on ihnen ist Ruslana Boichuk. Die 25-jährige Frau ist gelernte Krankenschwester und will erst einmal in Deutschland bleiben. In der Ukraine, so erzählt sie, würde sie aufgrund ihrer Ausbildung vermutlich an die Front eingezogen.

Auch dem 15-jährigen Maxim gefällt es in Neustadt gut, wie er erzählt. Er geht in die siebte Klasse und lernt etwas Deutsch. Doch es fällt ihm noch schwer, mit dem Lernen und Sprechen hat er Schwierigkeiten. „Ich vermisse manchmal meine Freunde zu Hause“, berichtet der Junge. Doch hier habe er schon neue Kumpels gefunden. Eine Familie in der Ukraine habe er nicht mehr. So ist Neustadt nun sein neues Zuhause.

Auf dem weitläufigen Klostergelände haben die Kinder unter anderem die Möglichkeit, eigene Gemüsebeete anzulegen und zu bepflanzen. Die Ernte der selbst angebauten Gemüsesorten werde stets mit großer Freude und Stolz präsentiert, erzählt Grit Hilbig. Auch die Integration in das kirchliche Leben sei ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags. Traditionelle kirchliche Veranstaltungen würden gemeinsam mit Pfarrer Markus Hahn in der Kirche gefeiert, an denen alle Kinder, Jugendlichen und Mitarbeiterinnen teilnehmen.

Das Kinder- und Jugendhaus verfügt über zwei Küchen, in denen die Bewohner und Mitarbeiterinnen besonders zu Veranstaltungen, ukrainischen Festtagen und Bräuchen gemeinsam traditionelle ukrainische Gerichte und Backwaren zubereiten, die bei allen Anklang finden. Das bestätigt auch Betreuerin Andrea Beusch. „Die Jugendlichen verwöhnen uns regelrecht“, erzählt sie. Hilbig hofft nun, dass die Einrichtung im Ursulinenkloster Neustadt dauerhaft bestehen bleiben kann. „Unser Wunsch ist ein neues Kinderund Jugendheim“, sagt die Leiterin. Noch sei aber unklar, ob die Pläne Realität werden.