Bei jedem Einsatz sind sie mit Sterben, Tod und Trauer konfrontiert: Die Krisenhelfer der Notfallseelsorge. Dabei müssen sie sich in andere hineinfühlen, ohne selbst den Überblick zu verlieren.
Die Notfallseelsorger und Krisenhelfer der Malteser sind nach erschütternden Ereignissen wie dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz ehrenamtlich für andere zur Stelle. In diesem Jahr besteht die Notfallseelsorge/ Krisenintervention Berlin seit 25 Jahren. Stefan Bernart ist einer von 160 Notfallseelsorgern in Berlin und leitet in der Bundeshauptstadt das Kriseninterventionsteam der Malteser. Im Interview erklärt er, wie er und seine Leute „Erste Hilfe für die Seele“ leisten.
Bei welchen großen Einsätzen war Ihr Team in den vergangenen 25 Jahren in Berlin dabei?
Wir waren bei sogenannten Großschadenslagen, wie dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vor Ort. Auch nach dem Attentat in Nizza, bei dem auch Berliner Schüler unter den Opfern waren, haben unsere Notfallseelsorger geholfen. Bei rund 400 Einsätzen, die wir Notfallseelsorger jährlich zählen, sind Einsätze wie diese aber eher selten. Vor allem werden unsere Krisenhelfer zu Fällen hinzugerufen, die alltäglich geschehen: nach schweren tödlichen Verkehrsunfällen, Arbeits- und Sportunfällen und bei Todesfällen im häuslichen Umfeld. Wir leisten etwa Beistand, wenn jemand nach einem Herzinfarkt verstirbt oder jemand plötzlich tot zu Hause aufgefunden wird. Und wir begleiten die Polizei beim Überbringen von Todesnachrichten.
Wie begegnen Ihre Kollegen Menschen, die Schockierendes erlebt haben?
Unser Credo ist: Dasein, Zuhören und die Hand halten. Nicht jeder mag in den Arm genommen werden, die Nähe geht immer von den zu Betreuenden aus. Das Wichtigste ist, dass wir den Leuten signalisieren, dass sie in diesen schweren Momenten nicht allein sind. Polizei und Feuerwehr können diesen Beistand in dem Moment nicht leisten, weil sie andere Aufgaben übernehmen müssen und nicht viel Zeit haben. Wir sagen den Betroffenen: „Wir sind solange für Sie da, wie Sie es möchten, egal ob eine oder sechs Stunden.“
Was sagen Sie in den Momenten, in denen andere einen geliebten Menschen verloren haben?
Möglichst wenig. Vor allem hören wir zu. Das kann auch bedeuten, dass wir eine Stunde zusammensitzen und schweigen, weil die Leute nach dem schrecklichen Erlebnis noch sprichwörtlich die Achterbahn im Kopf haben. Mein Reden würde da nur stören. Ich sage dann: Sie können mit mir reden, müssen es aber nicht und falls doch, entscheiden sie über den Zeitpunkt. Irgendwann fängt jeder Betroffene an, zu erzählen. Dabei ist es anfangs völlig egal, was er sagt oder wie oft er das Gleiche erzählt – durch das Erzählen findet eine Entlastung statt, Gedanken und Gefühle sortieren sich.
Was hilft Ihnen als Kriseninterventionshelfer in solchen Momenten?
Als Krisenhelfer sind wir bei jedem Einsatz mit dem Thema „Sterben, Tod und Trauer“ konfrontiert. Mein Glaube hilft mir dabei, mit dieser Herausforderung umzugehen. Es überrascht mich immer wieder, dass es Menschen gibt, die nach einem plötzlichen Todesfall völlig entsetzt darüber sind, dass das Leben eines zum Beispiel 75-Jährigen schon an sein irdisches Ende gelangt ist. Wer religiös ist, hat seinen Frieden mit der Erkenntnis gemacht, dass wir sterblich sind. Das Schöne an dem Ehrenamt ist, dass wir nach jedem Einsatz gesagt bekommen, dass es wichtig ist, dass wir da waren, auch wenn wir objektiv gesehen vielleicht nicht viel getan haben.
Wer ist ein guter Krisenhelfer?
Notfallseelsorger und Krisenhelfer müssen in erster Linie empathisch sein, dürfen sich aber emotional nicht anstecken lassen. Sie müssen sich in den Menschen, den sie betreuen, hineinversetzen können, dabei aber immer den Überblick behalten. Wer mitweint, ist fehl am Platz, denn dem Betroffenen hilft es nicht, wenn der Notfallseelsorger weinend neben ihm auf dem Boden liegt. Ohne eine ordentliche psychische Stabilität und Belastbarkeit hält man diese Tätigkeit nicht lange aus.
Sind sich angehende Krisenhelfer bewusst, was alles auf sie zukommt?
Wer dieses Ehrenamt übernimmt, muss sich bewusst sein, dass er oder sie bei jedem Einsatz mit dem Tod konfrontiert wird. Unsere Helfer sind in äußerst emotionalen Momenten dabei, zum Beispiel wenn die Angehörigen vom Verstorbenen Abschied nehmen oder wenn der Verstorbene endgültig aus der Wohnung getragen wird. Ganz besonders wichtig ist auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion: Ich muss wissen, ab welchem Punkt es auch für mich zu viel geworden ist, wird oder werden könnte. Deshalb hat jeder Mitarbeiter der Notfallseelsorge/ Krisenintervention Berlin das Recht, die Übernahme eines Einsatzes abzulehnen, wenn er befürchtet, dass die Situation ihn überfordern könnte.
Lebt man als Kriseninterventionshelfer bewusster?
Alles kann sich von einem auf den anderen Moment ändern. Ich mache das Ehrenamt jetzt seit zwölf Jahren. Durch die vielen Einsätze weiß ich: Es kann jederzeit soweit sein, dass es passiert. Es gab einen Sommer, an den ich mich besonders erinnere: Am Anfang der Sommerferien starb ein Mann, der ein Jahr älter als ich war, am Ende des Sommers einer, der ein Jahr jünger war mit gerade mal Anfang 40 – beide plötzlich und unvorhergesehen. Oft höre ich: „Wir hatten doch noch so viel vor, wenn wir in Rente sind.“ Ich persönlich schiebe deshalb nichts, was ich im Leben machen will, auf die lange Bank und wenn es nur die Briefmarkensammlung ist, die ich sortieren will.