„Wir feiern hier die Unterschiede“

Ins Gespräch kommen: Victoria (links) und Anna beim von ihnen gegründeten Erzählcafé für junge Geflüchtete. Foto: Michael Burkner

Zwei Potsdamer Schülerinnen haben an der katholischen Marienschule ein Erzählcafé für geflüchtete Jugendliche gegründet. Mit Gesellschaftsspielen und Musik kommen hier Schüler mit und ohne Fluchterfahrung ins Gespräch.

„Aber ich kenne die Person ganz sicher?“, fragt Anna – zunehmend genervt. „Ja, ganz sicher“, antworten die anderen lachend. „Du siehst ihr sogar etwas ähnlich“, findet Leyla. Aber das hilft Anna jetzt auch nicht weiter. „Barbara Schöneberger“, der Name der Fernsehmoderatorin, steht auf dem Schild vor ihr, so, dass alle es sehen können, nur Anna selbst nicht. Sie muss anhand von Fragen diese Person herausfinden. Auch die sieben anderen Jugendlichen, die in der Bibliothek der katholischen Marienschule in Potsdam-Babelsberg zusammensitzen, haben Namen eines prominenten oder fiktiven Charakters zugewiesen bekommen:  Rihanna zum Beispiel, Lenin oder Biene Maja.  „Wer bin ich?“ heißt das Rätselspiel – ein Zeitvertreib, aber eigentlich viel mehr.

„Durch das gemeinsame Spielen kommen wir viel einfacher in Kontakt“, erklärt Victoria.  Die Abiturientin hat im November gemeinsam mit Anna das Erzählcafé für Geflüchtete in ihrer Schule gegründet, seitdem treffen sich jeden Dienstag Schüler der Marienschule und Jugendliche mit Migrationshintergrund, die meisten von ihnen kommen aus der Ukraine. 

Flüchtlingshilfe hat Tradition an der Babelsberger Schule, in diesem „gut situierten Vorort von Potsdam“ (Schulleiter Carsten Winkler), in dem 2015 der damalige Schulleiter Thomas Rathmann mit seinen Schülern die Einrichtung einer eiligst aufgebauten Containerunterkunft unterstützte und parallel engagierte Eltern ein Erzählcafé gründeten, das bis heute den Austausch zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung ermöglicht. Im Rahmen eines Schulpraktikums arbeitete Victoria ein paar Wochen mit, engagierte sich später ehrenamtlich und stellte mehr und mehr fest: „Es gibt kaum Angebote, die sich explizit an Jugendliche richten.“ 

Zur Idee eines eigenen Flüchtlingscafés für Gleichaltrige war es nicht mehr weit – zu Mitstreiterinnen auch nicht. „Ich war sofort dabei“, sagt Anna. „Ich komme einfach gerne mit neuen Leuten in Kontakt.“ Gesellschaftsspiele helfen ihnen, ins Gespräch zu kommen, Musik überwindet so manche Sprachbarrieren. „Bogdan zum Beispiel kann noch nicht so gut Deutsch. Einmal haben wir uns einfach gegenseitig unsere Lieblingsmusik aus Deutschland und der Ukraine gezeigt, die ganz anders ist“, erinnert sich Anna. „Wir feiern hier diese Unterschiede.“ Der angesprochene Bogdan kommt übrigens jede Woche extra aus Berlin nach Potsdam – weil es in seiner näheren Umgebung keine vergleichbaren Angebote gibt. 

Von der Politik erwarten sie hier eine sachlichere Debatte, die nicht mit falschen Parolen die Menschen polarisiert. In der Gesellschaft nehmen sie aber eine große Bereitschaft für Engagement wahr, das manchmal erst ins Rollen kommen muss: „Wir würden uns freuen, wenn noch mehr Geflüchtete bei uns vorbei kommen. Die Hemmschwelle ist aber natürlich hoch, wenn man noch nicht so gut Deutsch spricht und die Menschen nicht kennt.“

Übrigens kommt Anna am Ende mit etwas Mithilfe doch noch auf Barbara Schöneberger, dass sie ihr ähnlich sieht, findet sie aber gar nicht.  Dann entbrennt eine Diskussion über die Fernsehsendungen der Moderatorin, die Meinungen sind gespalten. Aber Unterschiede werden hier eben gefeiert.

Das Erzählcafé der Marienschule Potsdam freut sich immer über neue Gesichter. Interessierte können sich an erzaehlcafe.kmp(ät)kmp.schulerzbistum.de wenden.