„Wir haben uns gegenseitig gestützt“

Pfarrer Bertram Pricelius feierte die letzte heilige Messe in der Lenzener Kapelle.

Pfarrer Bertram Pricelius feierte die letzte heilige Messe in der Lenzener Kapelle. Der Eigentümer will das Haus bald verkaufen. Foto: Oliver Gierens

Abschied nach fast 80 Jahren: Im brandenburgischen Lenzen (Elbe) schließt die katholische Kapelle ihre Türen. Nach dem Krieg lebten fast 800 Katholiken in der Stadt – das hatte einen bestimmten Grund.

Zum Abschied war es doch noch einmal voll: Nach fast 78 Jahren wurde in Lenzen die letzte heilige Messe gefeiert. Davor waren nur noch vier Personen regelmäßig zur Sonntagsmesse gekommen. Zu wenige, um den Standort aufrecht zu erhalten. Deshalb ist die Kapelle in einem Wohngebäude in der Hamburger Straße 22 nun geschlossen. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Lage eine ganz andere. Hinter Lenzen lag die Grenze zu den Westzonen und der späteren Bundesrepublik. Die Brücken über die Elbe – insbesondere im nahe gelegenen Dömitz – wurden zerstört, daher konnten zahlreiche Flüchtlinge aus den Ostgebieten nicht weiterziehen und strandeten in Lenzen. Viele von ihnen waren Katholiken, so dass in dem Ort, der bis Kriegsende nahezu vollständig evangelisch war, die Zahl der katholischen Christen schlagartig auf bis zu 800 anstieg. Im September 1947 gelang es, den Sitzungssaal in der Sparkasse anzumieten und als Gottesdienstraum herzurichten. 

Bis zur Wiedervereinigung feierten die katholischen Christen dort jeden Sonntag die heilige Messe. Schon bald sank ihre Zahl allerdings wieder. Ende der 1970er Jahre lag sie bei knapp 170, heute sind es um die 40 Katholiken. War die Pfarrgemeinde noch bis in die 1970er-Jahre selbstständig, gehört sie seitdem zur Pfarrei Wittenberge. Nach der Wende kam ein weiterer großer Einschnitt. Der Raum in der Sparkasse wurde aufgegeben. Das benachbarte Pfarrhaus wurde verkauft. Jedoch wurde die Wohnung im Erdgeschoss vom Erzbistum Berlin angemietet. Fortan wurden die Räume für Gottesdienste und Versammlungen der Gemeinde genutzt – bis jetzt. 

Ende Februar lief der Mietvertrag aus, Manfred Jakobi und seine Frau, Besitzer des Hauses, ziehen bald nach Mühlhausen in Thüringen um. Über 30 Jahre lang haben die beiden die Kapelle „Maria, Trösterin der Betrübten“ im Erdgeschoss betreut. „Meine Frau hat sich um den Blumenschmuck, die Kirchenwäsche und das Saubermachen gekümmert und ich mich um den Rest“, erzählt Jakobi. 

Margot Uller verbindet mit der Hauskapelle viele gute Erinnerungen. 1955 kam sie nach Lenzen, jetzt kann sich die 95-Jährige wohl nur noch Gottesdienste im Fernsehen anschauen. Der Pfarrer wird ihr die Kommunion nach Hause bringen. „Mir tut das furchtbar leid“, sagt die ältere Dame. „Wir hatten hier in der Gemeinde immer eine schöne Gemeinschaft.“ Einmal im Monat habe es beispielsweise ein gemeinsames Frühstück gegeben, bei dem über Gott und die Welt gesprochen wurde. 

Seit 1978 war Pfarrer Bertram Pricelius für die Katholiken in Lenzen zuständig. Später übernahm er auch die Pfarrei Perleberg, bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Jahr betreute er zudem Wittenberge und Havelberg, zuvor auch Bad Wilsnack. Jetzt fuhr Pricelius zum letzten Mal nach Lenzen, um hier Messe zu feiern. „Lenzen war ein Bewährungsfeld für den Glauben“, sagte er in seiner Predigt – vor allem wegen der Lage im Sperrgebiet. „Wir haben uns gegenseitig gestützt, gebraucht und geholfen.“ Deshalb, so sein Appell, solle bei aller Trauer die Dankbarkeit im Vordergrund stehen. „Wir haben jeden Grund, nicht zu vergessen, was Gott uns Tag für Tag Gutes getan hat.“