Im Bibelzentrum Barth können Besucher einiges entdecken: einen bunten architektonischen Mix, die Barther Bibel, eine Schreib- und Druckwerkstatt und einen klösterlichen Garten.
Wenn Ulrich Kahle spricht, leuchten seine Augen. Der Religionspädagoge führt mit Ruhe und Kompetenz durch das Bibelzentrum in Barth. Es ist weit mehr als ein Museum mit Bibel-Garten, es ist ein Ort der Bildung, der Begegnung und der christlichen Erfahrung. „Freikirchen, Katholiken und Protestanten nutzen das Haus gemeinsam“ – als „neutrales Terrain“ für Austausch und Projekte, wie der Religionslehrer Kahle betont.
Das älteste Gebäude des Bibelzentrums geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Es ist die St. Georgs-Kapelle, der Chorraum eines Kirchenschiffs und einst Bestandteil des St.-Jürgen-Hospitals – ein Leprosenhaus vor den Toren der Stadt. Innen sind die Reste farbiger Wandmalereien mit dem heiligen Christophorus und dem Jesuskind sowie der heilige Antonius zu sehen. Sie sollen um 1450 entstanden sein. Im 18. Jahrhundert wurde der Gebäudekomplex zum Armenhaus umgebaut. Erst seit 2001 ist das Ensemble in kirchlicher Trägerschaft der evangelischen Nordkirche.
Das Herzstück der Sammlung ist die „Barther Bibel“ die zwischen 1584 und 1588 als älteste Bibel in Pommern entstand. Die plattdeutsche Bibelübersetzung wurde direkt am Barther Schloss im Auftrag von Herzog Bogislaw XIII. (1544-1606) gedruckt. Der Fürst ließ nicht nur drucken, sondern auch binden und kolorieren – alles unter einem Dach. Ein Novum für das 16. Jahrhundert. Nur 700 Exemplare wurden hergestellt. Heute sind weltweit noch etwa 80 erhalten. „Es war damals ein wahres Prestigeprojekt“, erklärt Kahle. Die Bilder der Bibel wurden per Hand koloriert. „Der Einsatz von Bleiklischees anstelle klassischer Holzschnitte macht die Ausgabe auch technisch zu einer Pionierleistung, die spätere Bibeldrucke beeinflusste“, betont er.
Dass Bibel und Bildung zusammengehören, zeigt sich auch in Barth. „Ohne Lesefähigkeit hätte Luthers Bibelübersetzung keinen Sinn gemacht“, sagt Kahle. Deshalb geht es im Bibelzentrum nicht nur um historische Bibeln, sondern auch um pädagogische Arbeit. Schulklassen, Soldatengruppen oder Einzelbesucher erleben hier die Welt der Bibel ganz praktisch: „Sie dürfen schreiben wie ein Mönch, drucken wie Gutenberg oder Thesen nageln wie Luther.“
Ein besonderer Teil des Barther Bibelzentrums liegt unter freiem Himmel: der Bibelgarten. Angelehnt an mittelalterliche Klosteranlagen gliedert sich die Fläche in vier Beete – symbolisch für die vier Flüsse des Paradieses. Kahle erklärt: „Die Sonnenblume wird in der Lausitz auch ‚Gottesauge‘ genannt, weil sie dem Sonnenlauf folgt – so wie Gott den Menschen durch das Leben begleitet.“ Gartenfreunde entdecken neben dem „Gottesauge“ außerdem den „Stern von Bethlehem“, die „Josephsblume“, die „Himmelsleiter“, die „Pfingstnelke“ oder den „Kreuzblütler“. Zudem sind über 30 Pflanzen aus Klostergärten zu bestaunen und man erfährt viel über ihre heilenden Wirkungen. Auch symbolträchtige Pflanzen wie der Akanthus sind zu sehen. Er wurde in Kirchen häufig als Ornament verwendet, weil er als immergrün für Ewigkeit steht. Selbst die Prägung der Barther Bibel trägt Akanthusmotive – eine sinnbildliche Verbindung von Schrift und Natur.
Eine Erweiterung des Gartens widmet sich der Rose – „der Marienpflanze schlechthin“, so Kahle. Hunderte Sorten mit biblischen oder kirchlichen Bezügen wurden gesichtet und 35 fanden ihren Weg nach Barth: Darunter Rosen mit Namen wie „Katharina von Bora“, „Luther“, „Gloria Dei“ oder die „Schwarze Madonna“. Ulrich Kahle ist überzeugt: „Jede Blüte erzählt ihre eigene Geschichte mit Bezug zur Gottesmutter.“