„Confitemini Domino, quoniam bonus“ – „Danket dem Herrn, denn er ist gut“ – hallt es durch die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. „Da geht der Sturm, ein Umgestalter, geht durch den Wald und durch die Zeit“, eröffnet Pater Tobias Zimmermann SJ mit dem Gedicht „Der Schauende“ von Rainer Maria Rilke die geistliche Stunde.
Diözesanrat, Katholische Akademie und Canisius-Kolleg luden zum ersten Nikodemus-Gespräch in diesem Herbst. Das Gebet mit geistlich, intellektuellen Impuls zum Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ fand bereits zum vierten Mal statt. Nach Erzbischof Heiner Koch, Wolfgang Thierse und dem Benediktiner Elmar Salmann konnte der Direktor der Katholischen Akademie, Dr. Joachim Hake, dieses Mal die Sießener Franziskanerin Schwester Margareta Gruber begrüßen.
„Leben im Transitbereich“ – überschrieb die Professorin für Neutestamentliche Exegese und Biblische Theologie in Vallendar ihren geistlichen Anstoß. Als Ordensfrau zeigte sie sich prozesserprobt. Das Ordensleben stehe in Deutschland seit Jahren im Umbruch. Überalterung und Nachwuchsmangel zwängen die immer kleiner werdenden Ordensgemeinschaften, sich radikal zu veränderten. „Das, was man für Ordensleben hält, ist längst nicht mehr zu realisieren“, beschreibt Schwester Margareta die Situation: „viele, besonders ältere Schwestern, leiden darunter, dass man nicht mehr weiß, was Ordensleben ist.“ Die Prozesse hätten sich die Orden nicht ausgesucht. „Wir stehen ungefragt mitten drin. Ob der Prozess gut ist oder schlecht, kann ich nicht sagen.“ Allerdings, so betont die Ordensfrau, könne der Prozess den Glauben stärken, wenn man sich in ihm verwurzle.
Zerstreuung als Grunderfahrung
Was das Ordensleben heute kennzeichne, das sei die Erfahrung der Zerstreuung. Vereinzelung statt großer Klostergemeinschaft bis hin zur Angst, dass es mit dem apostolischen Ordensleben in Deutschland zu Ende gehe. Konsequenzen zeigten sich bereits: habe jedes Kloster, jede Kongregation noch vor 30 Jahren für sich gearbeitet, beschreibt die Franziskanerin die Situation, griffen die Gemeinschaften heute auf eine weitreichende Vernetzung zurück. Entwicklungen zeichneten sich ab, die noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen seien.
Schwester Margareta suchte als Wissenschaftlerin nach dem biblischen Sinn für diese Erfahrung vielfältiger Zerstreuung. Sie stieß auf die Zerstreuungserfahrung der ersten Christen am offenen Grab. „Ostern war ein Schock! Und kein Happy End“ postuliert die Ordensfrau anhand der in der Bibel beschriebenen Ostererfahrungen. „Dieses Verstören, dieses Erschrecken, dieses Nicht-Wissen: ist er es, ist er es nicht? Ostern hat die ersten Christen in einen Dauerkrisenzustand versetzt.“ Den Dauerkrisenzustand der ersten Christen bezeichnet Schwester Margareta als „Leben im Transitbereich“, eine Lebenssituation, die durchaus auch die Christen heute bestimmt.
Welche Erfahrungen diesem „Leben im Transitbereich“ zu Grunde liegen, beschreibt die Theologin anhand der sogenannten VUCA-Welt, einem Denkansatz, der als Analyseinstrument in Managementprozessen genutzt wird. VUCA steht für volatility, uncertainty, complexity und ambiguity, für Flüchtigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit. Schwester Margareta setzt diese Erfahrungsbereich ins Verhältnis zu den österlichen Erfahrungen im Neuen Testament.
Flüchtigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit
Unter „Flüchtigkeit“ fasst sie die Erfahrung: der Auferstandene entzieht sich dem Gläubigen. Der Auferstandene sei nicht fassbar. Auferstehung geschehe im Entschwinden. Man müsse dem Auferstandenen Nachlaufen, um ihn zu finden, wie am Ende des Markusevangeliums. Jesu Anhänger sehen den Auferstandenen „nur von hinten“. „Sie wollen den Auferstandenen sehen, sehen ihn aber nicht. Was sie bekommen, ist die Dienstanweisung nach Galiläa zu gehen. Sie sollen ihm nachfolgen.“
„Unsicherheit“, diese Erfahrung zeige sich in der Schwierigkeit, über den Auferstehungsglauben in der modernen Gesellschaft sprechen zu können: „Ostern, wie peinlich“, umschreibt Schwester Margareta dieses beklemmende Gefühl, „wie will man Menschen vermitteln, dass wir an einen glauben, der gestorben und wieder auferstanden ist.“ Das christliche Subjekt sei fragil, der Glaube ein Drahtseilakt, Argumente fehlten, die Halt geben würden, wenn einen der Glaube verlasse. Die Exegetin zitiert den Lyriker Christian Lehnert: „Paulus schaut auf und starrt ins Dunkel. Eben war da ein Licht. Und es bleibt ein geglaubtes Licht. Verloschen, für immer erstrahlt.“ Die christliche Existenz im Transitbereich bleibe per se unsicher: „Wir haben ein Licht. Aber es ist ein geglaubtes Licht.“
Die „Komplexität“ komme in den Glaubensgeheimnissen zum Ausdruck. Sie könnten nur schwerlich alleine durchdrungen werden. Die Emmaus-Jünger kehrten sofort nach ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen um, um in der Gemeinschaft der Glaubenden zu verstehen: „Ostern ist immer etwas, was nicht vereinzelt, sondern was in die Gemeinschaft führt“. Schwester Margareta spricht von der Gemeinschaft als Leib Christi, eine zutiefst heterogene Gemeinschaft, allein zusammengeführt durch den Glauben, Juden und Griechen, Sklaven und Herren, Männer und Frauen: „Erst der Blick auf den Leib Christi schafft aus der vereinzelten Unübersichtlichkeit die solidarische Verflochtenheit.“
Die „Mehrdeutigkeit“ könne vor allem anhand der Frage „Woran erkenne ich, dass ich dem Auferstandenen begegnet bin?“ erfahren werden. Die Franziskanerin fügt drei Erkennungsmerkmale an: der Auferstandene zeige sich im Brotbrechen, anhand seiner Wunden und in der Barmherzigkeit. „Der verwundete Leib des Auferstandenen verbindet sich mit dem Leib seiner Schwestern und Brüder. Die Geringsten machen ihn eindeutig.“
Katholischen Kokon aufsprengen
Im anschließenden Gespräch weitet Schwester Margareta mit Blick auf die Barmherzigkeit die Gemeinschaft, die den Leib Christi bildet, auf die ganze Menschheitsfamilie aus. „Vielleicht wird uns das jetzt zugemutet, dass wir unsere Identität als Christen über die Grenzen der institutionellen Kirche hinaus entwerfen müssen.“ Unter den Anwesenden findet dies Zustimmung. So merkt ein Herr an: „Das ist wie die Aufsprengung des katholischen Kokons. Dann werden wir verletzlicher, aber auch aufnahmebereiter für den Nicht- oder Andersglaubenden.“ Eine Frau wünscht sich in diesem Sinne mehr Öffnung im Pastoralen Prozess statt leidige Abgrenzungsdebatten: „Wir verlieren unsere Heimat. Man nimmt uns unsere Heimat weg. Dieses K. o.-Argument kann doch nicht alles sein.“ Ein Herr pflichtet ihr bei: „Es kommt mir so vor, dass diese Heimat, nach der wir uns so sehr zurücksehnen, erkauft worden ist durch den Ausschluss von Menschen“, meint er. Jetzt gelte es, nicht in das gleiche Muster zu verfallen und die Brüchigkeit der Welt und deren Opfer aus der Kirche auszuschließen. Man stehe vor der Entscheidung, sich verletzlich zu machen, oder sich als Minderheit noch weiter abzugrenzen.
Bevor Pater Zimmermann den Abend mit einem Lied und dem Segen beendete, fasste Diözesanratsvorsitzender Bernd Streich die Gedanken des Abends zusammen: „Leben im Transitbereich. Der Prozess ist eben nicht das Ziel, sondern ein Weg und auch hier die Frage: wo kann er mich hinführen? Wir haben gehört: es tun sich Räume auf, wenn ich in die Enge gerate.“
Die nächsten Nikodemus-Gespräche sind für November geplant. Konkreter Termin sowie Impulsgeber werden rechtzeitig bekanntgegeben.