Predigt von Weihbischof Weider zum Jubiläum

Wenn ein Vater Jubiläum hat, feiert die ganze Familie mit. Die Familie eines Bischofs ist das Bistum. Daher hat sich zu diesem Gottesdienst anlässlich des Goldenen Priesterjubiläums unseres Kardinals eine Festgemeinde aus verschiedenen Gremien der Diözese und darüber hinaus versammelt: Frauen und Männer aus den Gemeinden in Stadt und Land, Mitbrüder im Geistlichen Amt, Mitarbeitende der Bistumsleitung und auch Vertreter aus der Ökumene. Wir alle sind gekommen, um miteinander zu danken für den Dienst unseres Kardinals als Priester und Bischof in einer oft sehr bewegten und nicht immer leichten Zeit.

Als Dir, lieber Georg, Weihbischof Freusberg vor 50 Jahren im Erfurter Dom die Hände auflegte, gab es weder das zweite Vatikanische Konzil noch eine Berliner Mauer. Damals ahnte noch niemand, was in der kommenden Zeit auf Dich zukommen würde. Du hattest nur die eine große Zuversicht, dass Gott Dich mit seiner Liebe führen und begleiten würde. Die Erfahrungen auf den einzelnen Stationen Deines Weges haben Dich in dieser Zuversicht immer wieder bestärkt, und wir sind heute dafür Zeugen. Nach fünf Jahrzehnten ist die Zuversicht von damals zur Gewissheit geworden. Der Herr ist mit Dir. Er war mit Dir, als der Bischof Dich nach der Priesterweihe in die Pfarrseelsorge nach Eisenach und Heiligenstadt schickte; er war mit Dir, als Du in Jena die Leitung der größten Pfarrei in der damaligen DDR übernahmst; er hat Dich begleitet in Deiner Verantwortung als Generalvikar in Erfurt und er hat Dir Mut gemacht, als ich Dir vor 21 Jahren im Auftrag des Berliner Domkapitels die Ernennung zum Bischof von Berlin überbrachte und Du in einer geteilten Stadt das eine Bistum übernahmst, um schon im ersten Bischofsjahr Getrenntes wieder zusammenzuführen. Er war mit Dir, als sich die nicht geringen personellen und finanziellen Schwierigkeiten unübersehbar auftürmten. Er hat Dich gestärkt, als Du vor 1 ½ Jahren gesundheitlich an Deine Grenzen kamst. Weil der Herr mit Dir war und geblieben ist, kannst Du heute als erster der amtierenden deutschen Diözesanbischöfe das Goldene Priesterjubiläum feiern.

Wer Dich kennt, weiß, dass Du das heutige Fest lieber still und zurückgezogen gefeiert hättest, aber Du bist es den Vielen, die Dir zur Seite standen und Deinen Weg mitgegangen sind, schuldig, sie alle in den Dank an Gott mitzunehmen. Darum sind wir heute hier in großer Freude und Dankbarkeit.

Dein Jubiläum liegt kurz nach dem Herz-Jesu-Fest, an dem unser Heiliger Vater, Papst Benedikt, das Jahr der Priester feierlich abgeschlossen hat. Darum war es Dein Wunsch, an dieser Stelle den Blick mehr auf die besondere Berufung aller Priester zu richten und weniger auf Deine persönlichen Erfahrungen und Leistungen. Denn in der Kirche gibt es nur einen entscheidenden Grund, um Lebenswege einzelner Menschen zu feiern: die Treue und Kraft des Herrn, der die Seinen nie verlässt und der sich gerade in unserer Schwäche als stark erweist. Allein in ihm können wir uns rühmen.

Wie konkret das bereits der jungen Kirche bewusst war, sagt uns das heutige Fest der Apostel Petrus und Paulus. Mit ihren unterschiedlichen Begabungen und Schwächen waren sie beide sehr verschiedene Persönlichkeiten, wie das ja oft in der Kirche ist – auch im Erzbistum Berlin. Und doch wurden sie von Anfang an immer zusammen verehrt, weil sich ihre gemeinsame Sendung zum apostolischen Dienst in Rom vollendete. In dieser Communio der Berufung können wir Priester uns alle als Glieder eines Presbyteriums wieder erkennen. Auch die vergangenen 50 Jahre Deines Wirkens, lieber Erzbischof Georg, spiegeln sich darin.

1. Am Anfang einer Geistlichen Berufung steht immer ein persönlicher Anruf – sehr unterschiedlich, sehr verborgen – aber auch sehr drängend. Den Petrus erreicht dieser Ruf mitten im Alltag am See Genezareth und den Paulus trifft es auf dem Weg nach Damaskus, als er meinte, mit seiner Aktion Gott einen heiligen Dienst zu erweisen. Den Weg beginnt man nicht allein aus eigener Entscheidung, sondern ein Ruf wird unüberhörbar und man kann nur mit ihm leben, wenn man beginnt, ihm zu folgen und den Weg zu gehen. Zunächst ist nur das jeweilige kleine Stück des Weges zu sehen, alles andere liegt im Dunkeln. Dem Petrus wird gesagt: „Verlass alles, folge mir nach. Von nun an sollst Du Menschen fangen.“(Lk 5,10) Und der Paulus hört: „Geh in die Stadt; dort wird man Dir sagen, was Du tun sollst.“(Apg 9,6) So beginnen die langen, oft einsamen  und manchmal vergeblich erscheinenden Wege der beiden Apostel durch das römische Weltreich. So beginnt der Weg der dienenden Liebe in der Kirche auch heute noch. Der Ruf  kann uns in unterschiedlichen Situationen erreichen. Das ist das persönliche Geheimnis einer jeden Berufung. Vielleicht sind die Flucht aus dem Ermland und die schmerzlichen Erfahrungen am Ende des Krieges mit dem Verlust der Mutter ein Schlüssel, der Dir, lieber Kardinal, Deinen persönlichen Weg eröffnet hat. Und die Verbundenheit mit Deinen Schwestern, besonders mit Deiner treuen, leider kranken Helferin Gisela hat Dich auf diesem Weg begleitet. Er führte Dich aus Ostpreußen über Thüringen nach Berlin und hat Dich von mal zu mal stärker eingefordert. Dies erinnert an den rufenden Christus, der sich selbst nicht schonen wollte, um alle zu erreichen. Der äußere Weg jedes priesterlichen Dienstes hat auch stets eine Innenseite und öffnet das Herz, um immer mehr Werkzeug dessen zu werden, der gekommen ist, zu suchen und zu retten das Verlorene. Um dies mit zu tun, muss der Weg unentwegt begonnen werden. Er verläuft oft ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Als wir beide 1955 Wand an Wand im Erfurter Priesterseminar wohnten, ahnten wir nicht, dass uns 35 Jahre später der Herr wieder zusammen führen würde, um uns gemeinsam in den Dienst seiner Hirtensorge für die Ortskirche von Berlin zu nehmen. Schon dem Petrus wurde gesagt: ein anderer wird Dich gürten und Dich führen, wohin Du nicht willst. Auf diesem Weg hast Du - wie wir Priester alle - neben Freude und Erfüllung auch die Einsamkeit erfahren und gegen manche Schwierigkeit zu kämpfen gehabt. Der Herr hat Dir bei allem beigestanden und im Ungewissen Zuversicht geschenkt. Er hat sich darin immer neu als der Größere in seiner Liebe und Treue – bei Dir, lieber Georg - und bei uns allen erwiesen. Dies mit seinem Leben zu bezeugen, ist die Berufung eines jeden Priesters. Darum sind wir heute hier. Nicht zufällig hast Du diese Wahrheit – Deus semper maior – zum Leitwort für Deinen bischöflichen Dienst gewählt.

2. Wenn zwei Menschen lange zusammenleben in der Ehe, kann es sein, dass sie sich immer ähnlicher werden. Das Antlitz des einen prägt das Aussehen des anderen. So ist es auch mit dem Priester, der durch die Weihe und seine Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen in eine besonders innige Beziehung mit dem Herrn hineingerufen ist. Im Sakrament der Weihe empfängt der Priester die Würde und die Vollmacht, Christus erfahrbar und wirksam werden zu lassen in seiner Kirche. In dem Maß, wie er brennt von Christus, kann sein Feuer auch andere entzünden. So wie die Herrlichkeit und Liebe des Herrn sich in seinem Leben widerspiegelt, kann sein Dienst Menschen in das Bild Christi verwandeln.
Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: „Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn gesehen?“(1 Kor 9,1)
Und er meint damit wohl nicht nur die Begegnung vor Damaskus, sondern auch die Stunden des Gebetes und das Ringen um die ihm anvertrauten Gemeinden. Da wusste er sich von seiner Nähe beschenkt. Und Petrus erwähnt in seinem 2. Brief: „Wir sind nicht ausgedachten Geschichten gefolgt, sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“(2 Petr.1,16) Der Glanz des verklärten Christus auf dem Berg und der Blick des gefangenen Meisters in der Nacht des Gründonnerstags haben sein Leben verwandelt, so dass er dem Auferstandenen ehrlich sagen konnte, „Du weißt, dass ich Dich liebe.“ (Jo 21,15) Nur in der Liebe kann sich die Berufung erfüllen. So erkennen wir bei beiden Aposteln etwas von der Sendung des Priesters, in einer unerlösten, dunklen Welt das Antlitz Christi aufleuchten zu lassen, „bis der Morgenstern aufgeht in den Herzen“ (2 Petr.1,19) der Menschen.
Wenn wir heute an den priesterlichen Dienst unseres Bischofs in den vergangenen fünf Jahrzehnten denken, dürfen wir nicht nur die feierlichen Gottesdienste im Blick haben, die Aufnahme ins Bischofskollegium und ins Konsistorium der Kardinäle, die Teilnahme am Konklave und an Großveranstaltungen sondern dazu gehören auch die stillen Stunden vor dem Tabernakel, das Ringen um die Einheit im Erzbistum und die Sorge um Ehe und Familie in Kirche und Gesellschaft, dazu gehört auch die Verantwortung die Verkündigung des Herrn in der eigenen vernehmbar zu machen. Aller Segen seines priesterlichen Wirkens verdankt sich dieser persönlichen Begegnung mit dem Herrn der Kirche. Dafür möchten wir heute danken, denn dadurch konnten auch wir dem Herrn begegnen und uns von seiner Gegenwart getragen wissen.

3. Und der Herr ist uns durch den Priester nahe in der treuen Begleitung derer, denen das Glauben schwer wird. So haben es die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erlebt. Für diese Begleitung hat er die Apostel Petrus und Paulus berufen. „Simon, ich habe für Dich gebetet, dass Dein Glaube nicht wanke. Du aber stärke Deine Brüder.“ Und Paulus schreibt seine Briefe und besucht seine Gemeinden, um ihren Glauben zu stärken und ihnen Mut zu machen in den äußeren und inneren Bedrängnissen. „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Diese Last zu tragen, ist zuerst den Bischöfen und Priestern aufgeladen. Mit ihrem Glauben und dem gelebten Evangelium sollen sie den Ihnen Anvertrauten immer ein Stück vorausgehen, damit diese sich an ihnen orientieren können. Erst dann erfüllen sie ihre Berufung, wenn es den Gemeinden durch sie leichter und nicht etwa schwerer wird, mit der Kirche zu leben und einander in Liebe anzunehmen. Ein Bischof weiß sich besonders dem Auftrag Jesu verpflichtet, die Brüder und Schwestern im Glauben zu stärken bei Visitationen und in Hirtenbriefen, in vielen Predigten, Gesprächen und Bemühungen um das geistliche Wachstum der Diözese. Der Herr allein weiß, wie viel da geschehen ist und wie viel Frucht es getragen hat. Wir dürfen auch hier unseren Dank aussprechen: Gott und Dir, unserem Bischof, und wollen versuchen, in unseren Gemeinden und Familien die Lasten der anderen mitzutragen.

Schließlich gilt es noch etwas zu bedenken: Jeder Priester und Bischof lebt vom Gebet der Glaubenden. Eine Berufung muss erbetet und vom Gebet mitgetragen werden. Auch das lehrt uns das Leben der beiden Apostel: Für Petrus betet Jesus selbst: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht wanke.“ (Lk 22,32) Die Kirche von Jerusalem betet für ihn im Gefängnis, bis die Ketten von seinen Händen fallen und die Kerkertore sich öffnen.
Paulus schreibt als Gefangener an die Kolosser: „Betet auch für uns, damit Gott uns eine Tür öffnet für das Wort und wir das Geheimnis Christi predigen können.“ (Kol 4,3) Dieses Beten um Geistliche Berufe ist das große Anliegen des Herrn. Wir leben in einer Zeit, in der uns schmerzlich bewusst geworden ist, dass Berufene auch falsche Wege gehen und das Vertrauen anderer missbrauchen können So gibt es am Jubiläumstag unseres Erzbischofs kein schöneres Geschenk als das inständige Gebet der Bistumsfamilie um würdige Priester und Ordensleute, um die beharrliche Treue der Berufenen und nicht zuletzt um die Einheit mit den ihnen anvertrauten Gemeinden. Dieses Geschenk ist eine Gabe, die nicht nur jede Gemeinde, sondern jeder einzelne bringen kann. Wir wissen, eine der großen Nöte unserer Kirche liegt zurzeit im Mangel an würdigen geistlichen Berufungen. Wenn uns diese Not wieder neu im Herzen brennt und uns zum Gebet anregt, wäre das Priesterjubiläum unseres Kardinals nicht nur ein Routinetermin wie viele andere, sondern ein Anruf der Gnade Gottes an uns alle über diesen Tag hinaus. Amen.

Predigt von Weihbischof Weider am 29. Juni 2010 zum goldenen Priesterjubiläum von Kardinal Sterzinsky